Schule als sadistischer Vollstrecker neoliberaler Bedürfnisse


  • Baden-Württemberg

    Hier ein Vorgang aus den Jahren um 2008. Diese Kollegin bewegte die Bundesrepublik. Ich meine mich zu erinnern, dass die Schulhierarchie bis zum Schulamt sehr wohl aktiv wurden, um diesen ungeheuerlichen Vorgang aufzuklären. Die Lehrerin war eine unpolitisch, nicht links stehende. In iherer Klasse hatten fast alle Schüler in Mathe eine 2.

    MÜNCHEN taz Kurz vor Ende des bayerischen Schuljahres fasste Sabine Czerny einen Entschluss. Die Lehrerin entschloss sich, ihren Lehrerkollegen zu erklären, dass nicht sie es ist, die falsch tickt, wenn 91 Prozent der Kinder ihrer Klasse sich für eine weiterführende Schule qualifizieren. Sondern dass es das Schulsystem ist, das nicht ganz richtig sein kann, wenn es ein derart gutes Abschneiden als Problem darstellt.

    Also verfasste die Lehrerin Sabine Czerny einen offenen Brief ans Kollegium. Darin legte sie dar, warum sie alle darunter zu leiden hätten, wenn das System mittelmäßige Notenschnitte erzwinge. Nur zu dem Zweck, damit Realschule und Gymnasium, aber auch die ungeliebte Hauptschule mit ausreichend Kindern im Alter von zehn Jahren bestückt werden können.
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    Die Geschichte von Sabine Czerny ist nicht nur deswegen ungewöhnlich, weil sie per offenem Brief mit ihren Kollegen in so wichtigen Fragen kommuniziert. Die Geschichte der 36-jährigen Lehrerin ist es vor allem deshalb, weil sie schief dafür angeschaut wird, dass sie ihren Job offensichtlich gut macht. Seit einem halben Jahr ist die Pädagogin Anfeindungen ihrer Rektorin ausgesetzt, weil 25 SchülerInnen ihrer vierten Klasse in einer klassenübergreifenden Vergleichsarbeit in Mathematik einen Schnitt von 1,8 erreicht hatten. In einer Heimat- und Sachkunde-Probe schafften sie kurz darauf sogar einen Schnitt von 1,6. Beinahe erleichtert notierte Czerny nach einer Prüfung in Deutsch eine 2 vor dem Komma - und ertappte sich dabei, zu bedauern, dass einer ihrer wenigen Fünferschüler wegen Umzugs die Klasse verlassen würde.

    Aus dem Rektorat waren wegen der ungewöhnlich guten Notenschnitte Vorwürfe laut geworden. Entweder sage sie Ergebnisse vor - oder sie korrigiere falsch. Die Leiterin des zuständigen Schulamtes dementiert auf Nachfrage vehement, dass man von Amts wegen Notenschnitte vorgebe. Aber sie vergisst nicht, gleich im nächsten Satz zu ergänzen, dass eine Schulleiterin die "verdammte Pflicht" habe, einem so ungewöhnlich guten Schnitt nachzuforschen. Es gebe halt viele Möglichkeiten zu beeinflussen, direkt oder indirekt.

    Solche mehr oder weniger offenen Unterstellungen kränkten Sabine Czerny zutiefst. Die Grundschullehrerin hatte innerhalb der vergangenen zehn Jahre an mehreren Schulen unterrichtet, überall mit großem Erfolg. Dafür hat sie hart gearbeitet. Hat neben dem Schulalltag jahrelange Fortbildungen in unterschiedlichen pädagogischen, medizinischen und psychologischen Richtungen absolviert. Sie wollte besser verstehen, wie man Kinder fürs Lernen begeistern kann.

    Sabine Czerny weiß zahlreiche Eltern hinter sich, die sie als pädagogisch und fachlich herausragend loben. Einmal sogar fuhr ein Vater ins Schulamt, um das Wort für die von den Kindern heiß geliebte Pädagogin zu ergreifen. "Mit welchem Recht kommen Sie überhaupt hierher?", herrschte man ihn dort an. Als sie selbst versuchte, ihre Pädagogik zu erklären, wies man sie an, sie solle nicht so "anmaßend" auftreten.

    Czernys Erfolge machen offenbar nervös. Schon an der Vorgängerschule hatten die auffälligen Lernzuwächse mit einer zweiten Klasse zur Konfrontation mit dem zuständigen Schulrat geführt. "Sie haben sich an das Niveau der Parallelkollegen anzupassen!", wies der Mann seine Lehrerin an. Für die brach in diesem Moment eine Welt zusammen: Sich anzupassen - das hätte ja bedeutet, absichtlich schlechtere Resultate zu produzieren, nicht bessere.

    Den Vorgesetzten aus dem Schulamt störte, dass sich die Eltern der Parallelklassen beschwert hatten. Was lag da für den braven, bayerischen Schulbeamten näher, als mal eben für Ruhe zu sorgen? Czerny verwies einmal mehr auf ihre innovativen Methoden, ihre Hinwendung zu jedem einzelnen Kind, doch das nützte ihr nichts. Im Gegenteil. Fortan eilte ihr zuverlässig der Ruf voraus, aufsässig zu sein.

    So sah sie sich zum Ende dieses Schuljahres gezwungen, einmal darzustellen, wofür sich bislang kaum jemand wirklich interessiert hatte: Warum ihre Kinder so gut gelernt hatten - und wie kontraproduktiv die gängige Benotungspraxis sei, die schon bei der Vermittlung einfacher Grundlagenstoffe notwendigerweise Verlierer produziere. Es sei widersinnig, schrieb sie, wenn es "Sitzplätze gibt, die eine bestimmte Zahl tragen". Nämlich maximal drei Stühle mit der Ziffer 1, höchstens sechs Stühle mit der Ziffer 2, jeweils bis zu neun mit den Ziffern 3 und 4 und auch bis zu fünf Stühle mit den Ziffern 5 und 6.

    Denn sie, die LehrerInnen, seien dadurch gezwungen, die Kinder auf diese Stühle zu platzieren. So aber breche man das Engagement jedes schwächeren Schülers, der könne lernen wie verrückt und bekomme doch wieder nur eine schlechte Note - weil eben der Schnitt stimmen müsse. "Ein Fünferschüler bleibt ein Fünferschüler, einfach weil es Fünferschüler geben muss."

    In ihrem Plädoyer für eine andere Lern- und Bewertungskultur appellierte sie: "Bitte, machen wir uns bewusst, dass es hier keinen objektiven Maßstab gibt, der die tatsächliche Leistung misst! Wir erstellen Proben mehr oder weniger bewusst von vornherein unter dem Gesichtspunkt, dass der Schnitt stimmen soll, bzw. passen den Notenschlüssel im Nachhinein entsprechend an, das heißt, wir produzieren schlechte Kinder."

    Kinder im Grundschulalter aber identifizierten sich mit den Noten, viele, so schrieb sie, stellten irgendwann ihre Bemühungen ein, resignierten oder würden verhaltensauffällig. Das gehe vor allem Kindern aus sozial schwachen oder problematischen Familien so. Die bräuchten eher ihre Hilfe als Lehrerin und Aussicht auf sichtbare Erfolge statt ständiger demoralisierender Rückmeldungen wie von einer Richterin. Auch das Vertrauensverhältnis zu den Eltern leide, wenn man denen einerseits erzähle, wie wichtig Förderung sei, andererseits aber genötigt werde, schlechte Noten zu vergeben.

    Was Sabine Czerny da beschrieb, hat viel mit dem Namen Gauß zu tun - und mit einem System, das die nach dem Mathematiker benannte ,,Normalverteilung" zur Norm erhebt. Gauß hatte beobachtet, dass in der Natur Extreme selten sind, die breite Mitte dafür umso öfter auftritt. Er hätte seine Beobachtung allerdings nicht unbedingt in einer Lerngruppe machen können.

    Wie falsch es ist, Notengebung am Maßstab eines vermeintlich naturgesetzhaft sich ergebenden Mittelwerts auszurichten, dämmerte irgendwann auch der Kultusministerkonferenz (KMK). Die schrieb dementsprechend 1968 eine sogenannte kriterienbezogene Benotung vor statt der bis dahin gültigen Orientierung am Leistungsdurchschnitt der Klasse. Benotet werden darf in allen deutschen Bundesländern seitdem nur, in welchem Maße ein Schüler die ,,Anforderungen" erfülle. In jüngster Zeit propagiert man sogenannte kriteriale Leistungsmessung, der Bewertungsmaßstab bleibt jedoch ebenso unklar. Die individuelle Leistungsnorm, die den persönlichen Lernfortschritt zugrunde legt, wird gar nicht erst erwähnt.

    Wer da dächte, dass der KMK-Beschluss von 68 immerhin ein gewisser Fortschritt sei, dem hält der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann von der Universität Siegen entgegen: "Die soziale Norm ist nicht zulässig - sie wird aber um der Selektion willen erzwungen." Horst Bartnitzky, Vorsitzender des Grundschulverbandes, hat seinerseits beobachtet, dass Lehrer zwar selten so massiv attackiert werden wie die Pädagogin Sabine Czerny, erklärt dies aber auch mit vorauseilendem Gehorsam. "Die Lehrer spüren den Druck", sagt der Diplompädagoge und einstige Grundschulrektor, "und handeln ihm gemäß."

    https://taz.de/!5178267/


  • Baden-Württemberg

    Und noch einmal mein Vorschlag aus dem anderen Thread. Signifikant die fehlende Elternbewegung. Die Landeselternbeiräte sind von konservativven Eltern besetzt, Hauptschuleltern trauen sich nicht den Mund aufzumachen, Schüler sind angepasst, Lehrer das ignorante Wesen sitzen hinterm Busch und zittern. DA liegt der Hase im Pfeffer. Stell dir vor, du könntest eine Riesenbewegung haben und niemand merkt es.

    Mein Geheimtipp: Die Grundschule in BaWü 4 Jahre, ansonsten 6 Jahre als wissenschaftlich eher korrekte Zeit der Festigung von Basisqualifikationen, könnte man mit einem einfachen Mittel regeln. Alle Schüler sollten die Grundschule mit der Note 2 oder 3 abschließen. Damit wäre die Eliteselektion abgeschafft und die Basisfertigkeiten vorgeschrieben. Lehrer wären auf ganz andere Art verantwortlich und verpflichtet.
    Vor etwa 15 Jahren habe ichdas mit einem engagierten Schulrat diskutiert - heute ist er Chef des städtischen Schulamts. Ich fragte ihn, ob nicht 80% der Schülerinnen dieses Ergebnis erzielen sollten, weil der Stoff der Grundschule bezogen auf das gesellschaftlich notwendige Wissen für Verständnis und Teilhabe an der Welt ein minimaler ist. Er bestätigte das und meinte: Nicht 80 sondern 100%.
    Bei allen Lehrern und in 3 Gesamtkollegien, wo ich das anbrachte, stieß dieser Vorschlag auf konsternierte Ablehnung. Das wirft ein Bild auf die Bildungssituation. Ignoranz und Überforderung sehe ich als Ursache. In Freiburg haben sich große Bildungsnetzwerke entwickelt mit viel "Impuls" und "Motivation" - aber diese entscheidende Weichenstellung bleibt aus. Wäre ja auch autoritär, sage ich bissig.

    In der DDR, bei meiner letzten Delegation in Dresden 1982, Thema war Bildung, hatte ich ein Gespräch mit einem alten Chemielehrer. Er beklagte sich über die neuen Mikroskope, wo immer 2 Schüler dran arbeiteten und die dann schwätzen könnten - ein Augenbrauenhochziehen bei mir über diese alte Garde hier wie drüben.

    Aber er sagte dann leise: "Wissen Sie, es ist schon schwer für uns hier. Ich muss bei jedem Schüler, dem ich eine 5 gebe, dies vor einer Komission begründen, ob ich vielleicht zu wenig gefördert habe."

    Daran sieht man den Unterschied - obwohl alle Schüler wohl ihre Lehrer beklagen, wie es in dieser Woche eine Theateraufführung mit Diskussion zeigte, die Opportunismus und Leere in den Schulen Dresdens beklagte.


  • Baden-Württemberg

    "Sabine Czerny, Jahrgang 1972, ist seit über 20 Jahren Lehrerin. Sie unterrichtet an Grund- und Mittel­schulen im Münchner Raum. Vor rund zehn Jahren machte Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie strafver­setzt. 2009 ehrte man sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen. 2010 erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“. Für Das Deutsche Schul­portal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne."

    https://www.youtube.com/watch?v=Tst3y8sRxZ8

    https://www.youtube.com/watch?v=Gewb3-DUlJs

    Beide - Precht und Czerny - sind nicht automatisch Revolutionäre. Sie stellen erstmal das Schulsystem in Frage, das Menschen verkrüppelt und so nicht sein muss. Ein neues System würde die erhöhte Leistung bringen bezogen auf Wissen und Kreativität sowie auf Teamfähigkeit, was natürlich objektiv im Interesse eines neoliberalen Systems ist.
    Natürlich können WIR hoffen, dass diese Art der Bildung zu mehr Kritikfähigkeit führt. Zuvorderst sollten wir aber überlegen, welche seelischen und intellektuellen Krüppel WIR sind und was das für desaströse Auswirkungen auf unsere Kinder und unsere Gesellschaft hat.

    Und als Ergänzung wegen des immer kommenden Vorwurfs der Kuschelpädagogik hier ein Ausschnitt von Roysten Maldoom aus 2003 mit dem großartigen Projekt "Rhythm is it", leider nicht auf you tube, wo er als Künstler Humanität mit strenger Disziplin koppelt, das Herausholen des Möglichen. Wie überall im Handwerk - das Material und die Sache erziehen.

    https://www.youtube.com/watch?v=8i8HqzyLitY


  • Niedersachsen

    Wenn es nicht so traurig wär, könnte man laut lachen über die Beschränktheit, die sich hinter dieser Geschichte verbirgt. Nicht lachen kann man allerdings über die Konsequenz, mit der die konservative Politik die neoliberale Auslese vornimmt. Diese ist die einzige Erklärung dafür, dass es das 3-gliedrige Schulsystem überhaupt noch gibt. Sachlich gibt es keine Gründe mehr für die Existenz der Hauptschule. Meine schlechten Erfahrungen mit diesem System habe ich sammeln können unter besonders extremen Bedingungen. So konnten Schulabbrecher durch die Nutzung arbeitsamtsgeförderter Lehrgänge extern den Hauptschulabschluss nachholen. Das ist zunächst einmal eine gute Angelegenheit. Gleichzeitig zeigte es sich aber, dass bei vielen Abbrechern die elementarsten Lernvoraussetzungen nicht gegeben waren. Vor Allem hinsichtlich der Motivation. Und so gestaltete sich der Unterricht ausgesprochen schwierig. Es zeigte sich, dass ein Unterricht in normaler Gestaltung gar nicht möglich war. Da wo Bildungsträger dies vorsahen, war das Ergebnis gleich 0. Das heißt, kein Teilnehmer erreichte das Ziel. Da wo Unterricht in Kleingruppen oder einzeln durchgeführt werden konnte, der Lehrer nicht als Lehrer, sondern als Sozialpädagoge auftrat, war es mit viel Mühe möglich, in Einzelfällen, die vorhandene Ablehnung zu durchbrechen und zur Themenabeit zu kommen. Damit waren aber die Lernziele noch nicht erreicht, die in der staatlichen Prüfung am Ende des Jahres nachgewiesen werden mussten. Was muss an der Hauptschule abgegangen sein, einen solchen Hass auf die Schule zu entwickeln? Wie konnte es diese Schulform zu so vielen Abbrechern bringen? Fragen, die gestellt werden müssen. Lotte, Dein Beispiel mit dem DDR-Chemielehrer hinkt ein wenig. Es ist mit dem Fall Czerny nicht vergleichbar. Es ist richtig, dass die Erfüllung der Lehrpläne, die in der DDR ja Gesetz waren, streng kontrolliert wurden. In diesem Zusammenhang auch die Hinterfragung unzureichender Leistungen. Auch hier wurde die qualitative Arbeit des Lehrers hinterfragt. Es wurde konsequent davon ausgegangen, dass nicht der Schüler die Verantwortung für Leistungsversagen trägt. Der Lehrer war verpflichtet Maßnahmen einzuleiten, um Leistungsversagen zu beenden. Dazu gab es verschiedene Instrumentarien. Motivationen, Elternbesuche, Organisationen von Hilfen aller Art. Diese mussten dann nachgewiesen werden. Wenn ich mich an meine Ausbildung erinnere, dann kann ich sagen, dass die Leistungsbewertung immer als ein pädagogischer Prozess, auch der Motivation gesehen wurde, niemals aber als absolutes Maß einer Leistung. (Einzige Ausnahme ist hier die Abschlussprüfung gewesen, die zentral mit Bewertung vorgegeben wurde.) Ein Denken in Durchschnittsnoten , die den Schüler darauf beschränkt, gab es nicht. Es sind schon Blüten, wenn heutzutage Eltern Zensuren einklagen. Das ist auch ein Zeichen ungenügender Wertschätzung der Arbeit des Lehrers in der Gesellschaft, an deren Zustandekommen die Lehrer allerdings auch Anteil haben.


  • Baden-Württemberg

    Nicht verstanden, wo mein Beispiel DDR hinkt - dort wurde das beabsichtigt, was C zerny vorgeworfen wird.

    Was man nicht übersehen darf - die Bildungslandschaft verändert sich langsam, aber nur, weil der Neoliberalismus erkannt hat, dass das "Schülermaterial" nicht mehr den ökonomischen Grundanforderungen entspricht. Deshalb muss man mit scharfen Augen analysieren, wo ein gesellschaftlicher Zustand nur Richtung Sysgtemerhaltung optimiert wird, aber sicher auch von aufstehern mehrheitlich begrüßt würde und die Fallstricke nicht bemerkt werden.
    In Freiburg gibt es große Bildungsvernetzungen, die Schule öffnet sich gegenüber außen - aber das sind aus meiner Erfahrung mehr formale Aktionen sind. Schulen werden mittlerweile von Aktivisten überrollt, Vereine gründen sich, Ehrenamtliche strömen rein - so dass es aber bei Aktionismus bleibt. Typisch kapitalistisch.


  • Niedersachsen

    Man kann dem Schulsystem der DDR viele Dinge vorwerfen, die ideologische Ausrichtung (die es hierzulande allerdings auch gibt, trotz aller Beschwörung eines Pluralismus). Der Zentralismus hatte neben dem Nachteil der Starrheit aber auch Vorteile. Einer davon ist der, dass sich die gesamte pädagogische Wissenschaft auf die Entwicklung gleicher Prozesse richtete. Gleiche Lehrbücher, gleiche Lehrmaterialien gleiche Methodik. Folgerichtig war deren Qualität höher, was mir nach 1990 sehr deutlich sichtbar wurde, als die Lehrmaterialien der Bundesrepublik eingeführt wurden. Ein Schüler, der in der DDR umzog, hatte keine Probleme damit. Die Schule in der DDR war strenger, es wurde viel Wert auf Disziplin gelegt. Auch darüber kann man streiten. Fakt ist aber, dass ein Schüler in der Regel kein Ausweichverhalten praktizieren konnte. Abbrüche waren sehr selten. Dass die Lernergebnisse besser waren habe ich 1990 in Bezug auf den Mathematikunterricht in der Berufsschule erfahren dürfen. Die Auszubildenden waren mit den neuen Lehrplänen auf einen Schlag überqualifiziert. DDR-Auszubildende waren im Westen durchaus gefragt. Ich möcht hier keiner Nostalgie das Wort reden, aber bestimmte Dinge kann man aus der Vergangenheit auch lernen. Heutzutage erfindet man aus politischen Gründen allerdings Manches lieber neu.


  • Baden-Württemberg

    Das sehe ich auch so - wir haben damals auch die Lehrbücher verwendet aus der DDR, vor allem in Geschichte und "wir" waren nicht nur Kommunisten. Vielleicht verstehst du mich falsch? Die DDRler waren insgesamt in Schule und Beruf besser ausgebildet als die BRDler. Nur in den Methoden waren sie zeitgeistbedingt zurück. Zu viel Ordnung Sauberkeit und Disziplin - finde ich persönlich verantwortlich für die Entwicklung einer rechten Gesinnung.

    Ich finde, der DDR hat eine antiautoritäre Revolution gefehlt wie bei uns in den 70er Jahren. Deswegen waren da negative Restbestände des unterbewussten Faschismus, an falscher Unterordnung und Sadismus noch viel mehr vorhanden.


  • Niedersachsen

    Und schon wieder lockt es mich, Dir zu widersprechen. Ordnung, Sauberkeit und Disziplin sind nicht verantwortlich für die Entstehung einer rechten Gesinnung. Allerdings "deutsche" Ordnung, Sauberkeit und Disziplin schon. Der Kern ist die Ausgrenzung, die dahintersteckt und die sich in der Umgangsprache erhalten hat. "Deutsche Wertarbeit", "Deutscher Fleiß", "Strahlend reiner Glanz- Waschpulverwerbung" usw. Vorurteil und Ausgrenzung ist das Wesen der rechten Gesinnung. Und ein schwaches Bildungssystem fördert das.


  • Baden-Württemberg

    Es ist Triebunterdrückung und führt zu Macht und Beherrschung.

    Meine Videos von Roysten Maldoom im anderen Thread zeigen, dass er mit eiserner Disziplin arbeitet. Aber es ist die Disziplin aus der Sache heraus, wie ein Schreiner sagt, das Holz erzieht die Arbeitshaltung. Aus dem Material heraus ist immer eine höchst richtige Sache.

    Das würde ich bei der DDR wie bei der BRD abstreiten. Dort geht es um Unterordnung. Nur einige Kommunisten - die ich bei den Delegationen getroffen habe - haben da weitergesehen.

    https://www.youtube.com/watch?v=W9mneDmFd0g

    "Everbody has to been exact because one mistake und you are dead. ONe mistake and twenty people are on top of you."

    Maldoom zu Disziplin.


  • Niedersachsen

    "Ich finde, der DDR hat eine antiautoritäre Revolution gefehlt wie bei uns in den 70er Jahren. Deswegen waren da negative Restbestände des unterbewussten Faschismus, an falscher Unterordnung und Sadismus noch viel mehr vorhanden." - Deine "negativen Restbestände" gab es in der DDR wie in der Bundesrepublik. Trotzdem war da was anders. In der DDR übernahmen im Wesentlichen antifaschistische Kräfte, frühere Gegner des NS-Staates die Macht, während es im Westen eine gewisse Machtkonstanz gab, bedingt durch die Kontinuität in den Eigentumsverhältnissen. Dieselben Bevölkerungsgruppen, sofern sie ohnehin nicht ausgewandert waren, hatten in der DDR nichts zu sagen. Die Autorität in der DDR hatte andere Ursachen als in der Bundesrepublik, Einerseits ergab sie sich aus den theoretischen Grundlagen des Sozialismus (Diktatur des Proletariats, demokratischer Zentralismus). Andererseits aus den Verzerrungen des Stalinismus (Macht der Funktionäre, Bürokratie). Gleichzeitig hat das leistungsfähige Bildungssystem kluge und selbstbewusste Menschen erzeugt. Die antiautoritäre Revolution hat es insofern auch in der DDR gegeben. Es war die Auseinandersetzung mit dem Personenkult, die allerdings nicht die gesamte Tiefe des Stalinismus erfasste. Gerade die Bürokratie wurde mehr oder weniger als naturgegeben betrachtet, obwohl sie auch regelmäßig Ziel des Spotts war. (Zeitschrift "Eulenspiegel" , Kabarett). Zu Themen "Freiheit" und "Demokatie" stand man skeptisch, weil diese Themen, im Westen propagiert, in der DDR durchaus als Aushängeschild für die Machtverhältnisse gesehen wurde. Freiheitsvorstellungen hatte in der DDR immer auch etwas mit der Anerkennung von Notwendigkeiten zu tun, daraus folgt die sozialismustypische Disziplinauffassung. Auch gewissermaßen aus der Not. Denn in der DDR gab es keinen Marshall-Plan und die Reparationen waren auch eine Belastung. Mit dem Bild des westlichen Wohlstands konfrontiert, war es für Viele schwierig, die notwendige Disziplin aufzubringen. Für die westlichen Medien ein willkommener Angriffspunkt. Man nahm der DDR die Enteignungen durchaus übel. Übrigens halte ich Deutungsversuche der Rechtsentwicklung in Ostdeutschland, die in der DDR-Geschichte ansetzen für vollständig daneben. Die Ursachen liegen ganz sicher in der Zeit nach 1990 und in der Rechtsentwicklung der Bundesrepublik.


  • Baden-Württemberg

    Aha, ein DDRler möchte man r ufen. Grundsätzlich gebe ich dir recht, aber wir sollten neuralgische Punkte schon genauer anschauen. Um dich zu beruhigen, bin ich die einzige, die von Anfang an kundgetan hat, dass die DDR-Proteste daran liegen, dass die Menschen in der DDR durch ihren exzellenten Geschichtsunterricht so ausgebildet wurden, dass sie Ausbeutung, Diktatur, Unterdrückung und die Macht eines Volkes samt 3. Stand erkannten. Dazu passt eine Regierung, die einem solchem Ansinnen "Wir sind das Volk" nicht mit Massenerschießungen begegnen kann. Also eine wirkliche Tragikkomödie mit existentiellelm Ende. Die kapitalistische Annexion, die ab 1946 Ziel war, lasse ich beiseite.
    Auch die Antifaschisten waren leider sauber, anständig und gehorsam. Man schaue das weiße Band, wo unser pietistisches Erbe gezeigt wird. Wir haben an der PH Anfang der 70er Seminare gehabt, wo der Zusammenhang zwischen Sauberkeitserziehung, Gehorsam und Unterdrückung aufgezeigt wurde. Ich habe eine Schwiegertocher, die menen Enkel so brachial entkackt hat, wie sie es wohl in ihrer DDR-Krippe gelernt hat, in die sie mit einem halben Jahr kam. Das ist jetzt bei uns auch so.
    Damals gab es eine pikante angefeindete Dokumentation über den Kindermörder Jürgen Bartsch Ende der 60er, wo ausführlich seine Erziehung beschrieben wurde, mit extremer Sauberkeit, die kein Spielen im Haus erlaubte und die Mutter den Jungen bis 18 Jahre wusch, einschließlich Penis. Diese Waschungen zählen heute auch als ein sexuelles Mißbrauchssymptom durch MÜtter. Wird die nächsten Jahre stärker herauskommen.

    Für diese Art kann ich Beispiele nennen. Ich nehme aber meine letzte Delegation 1982 Thema Bildung und Schule. Wir gigen auch in ein Lehrlingsheim, ich glaube einer LPG. Dort hing ein Wettbewerbszettel aus für den besten Lehrling. Ein Element war das Zimmer und das Bettenmachen. Vorschrift wie in der Armee: Kante auf Kante, mustergültig. So sahen auch die Mehrbettzimmer aus. Kein persönliches Zeichen. Uns hat gegruselt - wir waren so um die 30 Jahre. Das war so bei uns nicht mehr möglich.
    Gleichzeitig gab es eine Theateraufführung - Schulen gingen geschlossen hin. Es ging um das Abitur. Reifeprüfung - beim Fest abends brach die feine GEsellschaft auseinander und die Schüler griffen die Lehrer an. Nichts mit Reife - Opportunismus, Zwang und Leere war der Vorwurf. Fehlentwicklung in der Schule - man schreibt das was der Lehrer will. In der anschließenden Diskussion bestätigten das viele Beiträge von Schülern. Ich meldete mich und sagte - wahrheitsgemäß - dass sie aber froh sein müssten, dass das hier offiziell angesprochen wird. Das w äre bei uns damals noch nicht möglich gewesen. Eigentlich in der Masse auch heute nicht. Daraufhin natürlich gesammeltes Schweigen - Mann war mir das peinlich.
    Parallel Diskussion mit der oberen Schulbehörde, ein toller Genosse Funktionär sagte: Wir haben große Probleme. Die Jugendlichen glauben uns nichts mehr. Sei es antifaschistische Arbeit, Besuche der Kzs oder der Lehrstellenmangel in der BRD - sie lehnen diese Informationen ab. Wir wissen nicht genau, wie weiter.

    Also muss man gucken, wo Fehler sind und wo eine Gesamtentwicklung abrollte, die man nicht verhindern konnte. Sauberkeit, Ordnung und Disziplin sind die Mechanismen von Diktaturen, Menschen zu unterdrücken. Triebunterdrückung zeigt sich auch heute daran, dass gerade Manager mit so einer Erziehung und auch so einer Berufsausübung besonders viel zu Huren und da zu den "Erzieherinnen" oder den "Dominas" gehen. Das nimmt drastisch zu. Kontrolle und Bestrafung - auch bei den Rechten ein Thema. An der DDR-Geschichte würde ich nun eine falsche Verortung finden, aber die faschistoiden Sekundärtugenden schon, die in der DDR zulange aufrechterhalten wurden. Auch aus paranoider Angst.
    Das war bei uns auch so, aber wir linken Lehrer haben eben diese Pädagogik laut und schrill hinterfragt und eine andere Methodik in den Unterricht gebracht. Das war nicht links, wenn man die Buch-und Hockschule umstürzte, aber der alte Lehrer sah das so. Heute gehört es zur Kompetenz eines Lehrers, Methodenvielfalt zu haben, auch wenn es viele noch nicht machen. HC hat kritisiert, und da hat er recht, dass meine Überschrift unscharf ist. Gerade der Neoliberalismus kritisiert den alten Ständeunterricht, weil er andere Menschen braucht. DAs habe ich oben erwähnt, aber in der Überschrift nicht. Deswegen wird der Mensch natürlich trotzdem ausgebeutet, aber das funktioniert besser. Der Neoliberalismus erhält die Qualifikationen, die er braucht und Mensch erlebt seine Ausbeutung nicht mehr unvermittelt. Interessant würde das theoretisch werden, wenn alle Menschen einen hohen kreativen Entwicklungsstand haben und die Ökonomie gar icht mehr so viele braucht. DAS fände ich dann eine wirklich revolutionäre Situation. So viel Ersatzbefriedigung kann das System nicht bieten.

    Zurück zur DDR: Sachsen, habe ich gelesen, war schon Jahrhunderte antisemitsch, mehr als alle anderen deutschen Länder zusammen. Da kann ich nicht mitreden.

    Ich möchte problematisiere, was der neue Mensch braucht, um ein demokratisches System aufzubauen. Werdet schmutzig und renitent!!! 🙂
    Leider habe ich das Gefühl, dass diese alten weißen Männer von Pegida genau das Klientel ist, was ich beschreibe: Primitiv, gehorsamsverweigernd, unflätig. Die eigene Pubertät wohl zu gehorsam gewesen und jetzt reichts.
    Aber mittlerweile kommen ja Junge nach.

    PS ich war in der DKP und bin 1987 wegen mangelnder innerparteilichen Demokratie ausgetreten.


  • Baden-Württemberg

    "Freiheitsvorstellungen hatte in der DDR immer auch etwas mit der Anerkennung von Notwendigkeiten zu tun, daraus folgt die sozialismustypische Disziplinauffassung. Auch gewissermaßen aus der Not. Denn in der DDR gab es keinen Marshall-Plan und die Reparationen waren auch eine Belastung."

    Heiße These.

    So wurden auch Prügel in der Kaiserzeit begründet. Will sagen: Man kann jede Perversion irgendwie begründen.


  • Niedersachsen

    Zu Deinem Text oben hätte ich noch Einiges zu bemerken, ich fange aber mit dem Letzten an. Es ist nun einmal tatsächlich so, dass ich ein höheres Maß an Freiheit habe, wenn ich deren unabänderliche Grenzen kenne und berücksichtige. So habe ich nicht die Freiheit mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Und wenn da Not ist, hört meine Freiheit an der Stelle auf, wo ich in meinem Egoismus einem Anderen Schaden zufüge. Auch das war eine Besonderheit im Sozialismus: Die Verantwortung als Mitglied eines Kollektivs. Die Freiheit, Material zu vergeuden hörte dort auf, wo das Material knapp war. Und auch die Sabboteure, die heute als Helden gefeiert werden, haben der Gesellschaft geschadet. Da wo allerdings Egoismus als Freiheit gefeiert wird, kann man das wahrscheinlich nicht verstehen. Deine Theorie von der Sauberkeit als Basis der Diktatur leuchtet mir genau so ein, wie die Theorie des Totalitarismus. Wahrscheinlich hat der gedankliche Urheber das gleiche Ziel verfolgt wie der Erfinder des zweiten. Neoliberale Theorien sind oft einleuchtend, deshalb wirken sie. Es sind ja auch Profis, die sie sich ausdenken. Wen man oberflächlich an die Erscheinungen rangeht, findet man nicht das Wesen. Ich war auch 18 Monate bei der Armee. Habe eine Uniform getragen, die der Uniform des NS täuschend ähnlich sah. Dieser Sachverhalt ist mir allerdings erst klar geworden, nachdem mir jemand das sagte. Denn ein inhaltlicher Zusammenhang war da definitiv nicht. Über militärische Disziplin in einer Befreiungsbewegung würde ich auch heute nicht diskutieren. Zu groß wäre die Gefahr unnötiger Verluste.


  • Baden-Württemberg

    Ja, die Rücksicht kann eine Keule sein - die DKP samt SED samt UDSSR hat die Transparenz noch nicht gekannt und ist dran auch gescheitert. Die Gefahr der Verluste - wir Junge sind massenweise ausgetreten ob der Denkvorschrift. Jahre später habe ich DKP und jetzt KO wieder mitverfolgt - alles offen, alles im Netz, offensive Herangehensweise an denken und "Wahrheit". Haben wirklich gelernt, die Genossen.

    Ich erinnere mich gut an die ersten Delegationen, wo mich eine Frau aus den Wohnkollektiven gefragt hat, wie ich das aushalte, so allein. Sie sei in Kollektiven in Betrieb und Wohnviertel, kulturelle Gruppen und stelle sich unser leben in Isolation ganz furchtbar vor. Das war so ehrlich und kein Klischee, dass ich noch ganz jung mir ernsthaft Gedanken machte. Schon daran zeigt sich der positive Wert der Delegationen.
    Aber Freiheit ist eine Definitionsache, finde ich. Grade habe ich in der BZ einen Wutkommentar darüber losgelassen. Freiheit haben viele politisch Verfolgte aus der DDR geschrien - wo sind sie gelandet? Die ersten im Knast, die anderen bei der CDU, jetzt Afd. Immer Freiheit. Und die versammelten Rechten - es gibt im Forum der Badischen einen harten Frontenkampf nach dem Motte: Kein Zentimeter den Rechtsextremen - argumentieren immer genau mit dem Satz ihre üblen Diskriminierungen.

    Interessant fände ich, wie du die BRDler samt Faschismus siehst - heute wohlgemerkt. Meine These ist, dass in der BRD der Faschismus nie aufgearbeitet wurde im Volk und sich von Generation zu Generation verschleppt hat. Es gibt psychologische Thesen, dass sich da nichts verschleppt sondern unterbewusst nur schlimmer wird. Dasselbe bei den Juden in Israel.



  • "Es gibt psychologische Thesen, dass sich da nichts verschleppt sondern unterbewusst nur schlimmer wird. Dasselbe bei den Juden in Israel."

    Liebe @Lotte, ich stimme dir sehr zu, dass in der BRD der Faschismus nie aufgearbeitet wurde. das habe ich auch persoenlich direkt erlebt. Die grundsaetzlichen Wertvorstellungen bleiben erhalten und suchen sich neue kleider.

    Aber "Juden in Israel"? Die wirst du praktisch nicht finden. Vielleicht in den gefaengnissen oder Krankenhaeusern. Juden sind juedisch glaeubige Menschen, Israelis sind koloniale Landraeuber. Beides zusammen geht nicht.

    Aber die Methoden der NSDAP finden wir dort als dominantes Muster.


  • Baden-Württemberg

    Das freut mich, Willi, denn in der Radikalität meiner Aussage stehe ich meistens allein.


  • Niedersachsen

    Also Lotte, nicht aufgearbeitet ist eine zu schwache Formulierung. Ich habe den Eindruck der Faschismus wurde in Watte gelegt, vieleicht soll er ja noch zu etwas nützen? Warum habe ich, bei aller konservativer Debatte noch nirgendwo von einer Verurteilung rechter Straftäter gehört. Warum ist es möglich, dass in staatlichen Organen so viele Rechte sitzen? Was da in den NSU-Untersuchungen deutlich wurde, ist mit Nachlässigkeit und Irrtum nicht zu verharmlosen. Das ist eins. Rechtliche Regeln gelten aus der NS-Zeit nach wie vor. Auch da gab es sowas wie einen Rechtsstaat. Die Judengesetze waren geltendes Recht. In meiner Heimatstadt wurde die einzige jüdische Familie ganz rechtsstaatlich drangsaliert und schließlich vertrieben. Wo wurde gelernt, dass Rechtstaatlichkeit alleine nicht ausreicht, dass es auch eine Gerechtigkeit geben muss? Der NS_Staat basierte auf einer Mehrheit, die repräsentative Demokratie der WeimarerRepublik hat ihn ermöglicht. Die Bundesrepublik lebt auch in der Tradition der repräsentativen Demokratie. Wenn 51 % beschließen, dass 49% umgebracht werden, ist das Demokratie? Arroganz und Überheblichkeit, eine mir schon früher aufgefallene Eigenschaft vieler Deutscher gegenüber Ausländern. Noch heute ist dieser Ton in Füßballreportagen nicht zu überhören. (Auch wenn China gegen Japan spielt fehlt nicht der Hinweis, welcher Spieler in welcher Bundesligamannschaft spielt.) Die Medien spielen dieses Spiel mit. Wenn in der Schule Toleranz gepredigt wird, wird spätestens beim Fernsehabend das Gegenteil behauptet. Wenn ich Dir jetzt noch all die Faktoren der Verblödung nennen soll, wird dieser Artikel zu lang, aber Du kennst sie auch so. Ein nicht unwesentlicher Faktor für rechte Entwicklung. Der Deutsche ist gegen Manipulaion nicht immunisiert, wozu auch, die Werbung soll ja wirken. Und so ist er anfällig fur jeden Bauernfänger der des Wegs kommt. (Und die Linkspartei setzt auf linken Populismus, das geht leichter als Aufklärung. Auch eine Form des Realismus.) Integration in Deutschland wird verstanden als "Anerkennen der deutschen Werte", man spricht von "Leitkultur", von Anerkennen der fremden Kultur, keine Rede. Ich habe als Kind gelernt, fremde Völker zu achten. Vieleicht lernt man das in der Schule heute auch, in der Verlogenen. In der Politik gilt nur das Recht der Stärkeren und die Interessen des Kapitals. Dann ist da die 2/3-Gesellschaft. Es wird in Kauf genommen, dass es einer Minderheit richtig schlecht geht. Die Gesellschaft schafft es darüber hinwegzusehen. Die Betroffenen bilden alternative Subkulturen, haben sie einen anderen Weg? Alles ist da möglich. Und der nicht betroffene Teil hat ein Objekt, seine Arroganz auszuleben und Vorurteilen zu frönen. Beide Gruppen sind ein Quell rechter Entwicklungen.


  • Baden-Württemberg

    Ich will in meinem Blog versuchen, diese Themen anzusprechen. Für mich ist die "Unfähigkeit zu trauern" von den Psychologen Mitscherlich und anderen wichtig.

    Den Faschismus in sich selber erkennen und darüber trauern können. Damit wieder aus der Gefühllosigkeit kommen und für andere Empathie entwickeln können. Das fehlt uns auf großer Linie. Das kann ich für die DDR nicht beurteilen - man sagt ja, dass dort die Abwehr auf die Verlagerung des Faschismus im Westen geschoben wurde.

    Egal. Wir haben kaum echtes Mitgefühl, bezahlen viel Geld für katastrophenopfer - damit haben wir unseren Obulus gegeben. Unser Ablass funktioniert gut. Ansonsten ist Geiz geil, Unsere Tragik ist, dass die Flüchtlinge uns nicht lieben. Sie kommen nur wegen unserem Geld. Der Bumerang trifft dieses Volk zu Recht. Deutschland ist bekannt und beliebt für seine Sauberkeit und seinen materiellen Wohlstand, heimlich bewundert und gefürchtet für die perfekte Organisation industriellen Massenmords.
    Vielleicht noch das Oktoberfest.
    Wir ertränken unser unterbewusstes Leid in allen Arten von Süchten. Sucht macht gefühllos. Süchtige sind perfekte Untertanen. Dagegen müssen wir einen Hebel finden.

    Bei dir hört man den Schmerz heraus. Wie ist tief sitzt das Trauma bei den DDRlern hier?



  • "Bei dir hört man den Schmerz heraus. Wie ist tief sitzt das Trauma bei den DDRlern hier?"

    Liebe @Lotte, nicht nur bei den Menschen, die in der DDR lebten. Auch bei uns in der BRD kenne ich es. Vertane Moeglichkeiten.

    1956 ist fuer mich die Zeit des Einbruchs. Im Westen das Verbot der KPD, im Osten das Verbot der "utopischen Sozialisten". In beiden teilen ging es um demokratische Selbstorganisation. In beiden Teilen wurde es mit Militaerstiefeln zertreten. Und, nicht zu vergessen, in beiden Teilen faschistische Staatsanwaelte.

    Und, wie tief sitzt nun das Trauma bei dir?


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