Bioland


  • Baden-Württemberg

    Früher war das einfacher. Jetzt ist alles verändert. Der Planet hat sich gedreht, ein Zeitloch hat meine alte Welt verschlungen, die neue ist uns nicht vertraut. Wir sind fremd geworden, tauchen nur kurz auf, um diese Exemplare zu bestaunen. Wir suchen Kontakt. Sie sprechen freundlich zu uns. Wir suchen ihre Gesichter, aber wir sehen sie nicht.

    Jede hat das Recht auf einen Orgasmus. Jeder auch. Fragt sich nur welcher. Muskelzucken. Schreien. Schweiß. Stöhnen. Entspannung. Das war’s?
    Macht wäre besser. Mord spannender. Lust am Töten.
    Körperzucken. Schreien. Schweiß. Stöhnen. Tod. Entspannung. Das wär’s.
    Einen Menschen muß man suchen. .Einen Genießer des Todes. Eine Bionorm, die adäquat reagiert. Das Spiel mitspielt.
    Zucken Schreien Aus
    Aus Zucken Schreien
    Schreien Aus Zucken
    Aus Aus Aus
    Abenteuer einer Bionorm. Das war ihr Leben .Wie heißt das Fettgewebe um die Vulva? Frau.
    Zucken. Schreien. Duschen.
    Richtiges Gel zur Erhaltung der Bionorm. Ungepflegt zerfällt zu schnell.
    Sind schwule Bios besser als Heten oder Schwarze geiler als Weiße? Prickelt anal besser als Sekt und wo rubbelt es sich am besten? Ist ein Aidstod sittlicher als Krebs und wo lassen sie blasen?
    Schreien Zucken Aus
    Finaler Orgasmus
    Bingo

    Auf den ersten Blick bestechen die Bios durch ihre Ordnung. Auf die verzichten sie nie. Selbst als ganz Bioland auf den Befehl eines einzigen Oberbios in eine mörderische Katastrophe rutschte, versuchten die Bios das Beste daraus zu machen und rühmen sich klammheimlich noch heute, die ordentlichsten und saubersten Lager, die perfektesten Tötungsmechanismen organisiert zu haben, wobei ihnen das ohne ihre Bioindustrie nicht gelungen wäre. Wer nicht sauber ist, fliegt raus aus Bioland. Bei Schmutz jeglicher Art werden sie sauer, die Bios. Davor ekeln sie sich. Filzläuse, Ratten und Schmeißfliegen, die werden säuberlich ausgemerzt. Da wird auch ein gutmütiges Bio radikal, wie jenes, das sich im letzten Sommer zu uns auf die Bank setzte. Eine Bank, die auf dem Marktplatz unseres Betonviertels steht, sonnig, baumbeschattet, ein Treffpunkt arabischer Xen, deren Ypsilonen nie zu sehen sind außer sonntags mit den hübschen, sauberen, vielen Jungen. Ausnahmsweise lag diese Bank unbesetzt vor uns. Wir nahmen Platz. Bio X
    kam näher, lächelte freundlich und zog eine weißes Taschentuch hervor, wischte sorgfältig die Sitzfläche der Bank ab: Da sitzen ja sonst die, immer, nehmen uns den Platz weg, man kann ja nie wissen, was die haben, sicher ist sicher. Saß, lächelte, genoß die Sonne. Es hatte uns in ein Wir gezogen, indem wir nicht standen. Bios denken höchst einfach und unkompliziert. Bald würde es merken, daß wir nicht wir sind und uns einfach mit dem weißen Tuch wegsäubern. Ordnung muß sein, denn ein sauberes Bio kann gar nicht unanständig sein .Deswegen putzt Bioland so viel. Es hat nach der Katastrophe alles ordentlich wiederaufgebaut, selbst seine Oppositionellen sind mehrheitlich saubere, anständige Bios. Was sauber ist, hat die halbe Welt gewonnen, auch wenn sie in Scherben fällt, das kann sie nämlich nachher ordentlich zusammenfegen.
    In der Müllsortierung ist das Bio groß. Im Dreck wühlen, der Sauberkeit wegen, das macht dem Bio Spaß, da kann es sich ausleben.
    Das Bio arbeitet, ißt, trinkt und sext sauber, meistens nach Plan. Die Bioindustrie deckt die steigende Nachfrage nach Anständigkeit: Spülwaschdesinfektionsintimprodukte sichern das Gefühl persönlicher Integrität des einzelnen Bios. So ist alles wunderbar eingerichtet in Bioland, dem Land zu dem wir nicht mehr gehören.

    Fressen Saufen Ficken
    Essen Trinken Sex
    Zweiklassengesellschaft

    Warum klopft der Arzt Neugeborenen auf den Hintern? Den Dummen fällt der Schwanz ab.
    Lust auf Orgasmus.
    Explodierende Krustendecken spritzen in rotglühenden Fontänen zu einer
    reißenden Flut von Schreien
    der Mensch hat nichts zu verlieren als seine Fesseln
    alle Menschen werden Brüder, Sauberkeit und Pflicht und Anstand, duschen für das Vaterland
    Wie viele Neger braucht man , um eine Küche zu putzen? Keine, wozu gibt es Frauen. Lust auf Orgasmus. Gewalttätige Schreie. Anspannung. Konzentration. Abspritzen. Sind Sie passiv oder aktiv? Ich arbeite am Fließband. Regelmäßiger Sex macht den Kopf frei, vor dem Essen , nach dem Essen und Kondome nicht vergessen .Totale Freiheit im totalen Sex. Lust auf Mord. Jeder Mensch hat das Recht auf einen spannenden Tod, als Entschädigung für sein Leben.

    Grüne Tiefe, in die du fällst. Klarheit. Der Tod hat grüne Augen. Du nimmst seine Augen und drehst dich zur Welt um. Noch einmal. Es ist nicht mehr deine.

    Sie reden in .unsere Maske hinein, wir antworten höflich. Sie sehen, hören, fühlen uns nicht. Sie halten uns für ein normales Y. Wir können uns nicht mit ihnen verständigen. Sie leben ein einfach strukturiertes Leben, ihre Gleise sind gerade. Ihre Gattung ist aufgeteilt in X und Y. Wir passen nicht in ihr Weltbild hinein. Sie können uns nicht identifizieren, ihr Code ist nicht unserer .Wir schweigen. Wir leben auf einem fremden Planeten. Heimatlos. Sie paaren sich unterschiedlich, homo oder hetero, zu zweit oder zu mehreren, aber immer in ihrer eindimensionalen Struktur. Ein kleiner geordneter Käfig ihres Geschlechts. Ihre Ordnung ist nicht unsere. Wir sind weder X noch Y. Ohnmächtig in ihre Welt geworfen, abhängig von Kommunikation und Akzeptanz, ihrer Akzeptanz. Wir können nicht flüchten. Sie sind noch ein Ich. Definiert, gegrenzt, orientiert und zielgerichtet. Ihre Grenzpfähle stehen eng, das gibt Sicherheit. Wir sind aus den Grenzen gefallen, in die Weite der Definitionslosigkeit. Wir pendeln. Wir sind zwei, glaube ich. Wir reden weiter höflich mit ihnen, ziehen uns schnell in unsere Welt zurück. Sie ist nicht da draußen. Da draußen werden wir verletzt.

    Wollen Sie mit mir schlafen? Ja, ich habe bereits geduscht.
    Schreien Zucken Aus
    Der Tod ist ein Meister in Deutschland. Genickschuß oder Orgasmus?
    Schreien Zucken Aus
    Und du fliegst weit über deinen Körper. Spannst deine Flügel, läßt dich tragen. Entdeckungen ohne Entblößungen. Länder ohne Geografie.. Räume ohne Zeit.
    Fangschuß.
    Schwerelos hängst du über dieser Welt. Ihre Strukturen verschwinden. Der Planet ist blau. Radiowellen erreichen dich noch. Mercedes Benz hat den größten Umsatz seit 1945. Dieses unser Land. Dein Land? Mercedesland.
    Welches Verhältnis haben Profit- und Sterberate? Linear?
    Nicht deine Frequenz. Diese Welt ist zu Ende. Alles verstummt.
    Blauer Planet ohne Welt.
    Der Planet ist blau. Nur noch blau.
    Der Tod ist die berechtigte Entschädigung fürs Leben. Er wird uns viel zu
    lange vorenthalten.

    Früher war alles normal. Wir haben ihre Sprache benutzt. Heute ist alles anders. Ihre Worte erreichen uns nicht mehr. Ein Tisch ist vielleicht noch ein Tisch. Einfache Unterhaltungen können wir noch führen. Ein Kalbschnitzel, bitte, danke. Ihre Sprache kennt uns nicht. Ihre Sprache kennt nur Bionormen, xig oder yig. Immerwährend der falsche Käfig. Bionormen kennen nur Käfige. Wir sind krank. Außerhalb des Käfigs bist du krank.
    Käfigtiere starren uns an, Zeigefinger deuten auf uns: Schaut das Kranke.
    Merzt es aus. Laßt es sich nicht fortpflanzen. Kastriert es! Kastriert es! Wie es wohl in einem KZ ist? Wir haben nur darüber gelesen.

    Haben Sie heute schon gefressen?
    Wir empfehlen Ihnen leicht Verdauliches zur Entschlackung. Eine zärtliche Masturbation, einen Liederabend Brecht privat oder eine Transvestitenshow.
    Lassen Sie sich gehen - machen Sie sich frei!
    Stehen Sie unter dem Zwang zu konsumieren oder leiden Sie gar an Bulimie? Dann empfehlen wir: Gründen Sie eine kleine Initiative. Verändern durch Handeln - Ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Tiere schützen, Natur bewahren, Asylhilfe, Berbersolidarität , Atemschulung - Sie haben die Wahl! Die Welt ist in Ihren Händen. Packen Sie’s an. Retten Sie unseren Planeten. Sie werden neue Freunde gewinnen.
    Prospekte mit Adressen von Solidaritätsgruppen erhalten Sie bei jeder Krankenkasse. Prophylaxe ist der beste Schutz vor Bulimie. Geben Sie Ihrem Leben einen Sinn, ehe wir es tun.
    Dies ist eine Information der Hoechst AG. Wir sind für Sie da. Immer.

    Wir wissen noch nicht, ob wir diese Welt überleben. Wir haben unseren Platz noch nicht gefunden. Zögernd betreten wir Orte, die wir von früher kennen. Leise schleichen wir uns an. Klammheimliche Voyeure , erkennen wir nur wenig Vertrautes. Fremdes umgibt uns. Gesten, vor denen wir zurückzucken, Lächeln, das uns friert. Dieses immergleiche Lächeln der Käfigtiere tötet nebenbei. Es gleitet an den Augen vorbei ins Nichts, gefriert noch nicht einmal, ist herzlich. Lächeln wie Autofahren. Gut geölt, tausendmal geübt, internalisiert. Schön, daß es dich gibt, lächeln sie. Gibt es mich? Wir wissen es nicht. Haben Bios ein Lächelngen, Nettigkeitschromosom? Wir schleichen uns wieder hinaus, kontaktlos. Sie knüpfen da an, wo ich war, suchen mich mit zärtlichen Erinnerungen und lächeln in ein Loch. Wir haben mich leise weggenommen von diesem Platz. Sie besitzen mich nicht mehr, die einstige Wärme ist verloren, wir zucken vor der Vergangenheit zurück. Wir wollen nicht mehr in den Käfig. Angst greift uns blitzschnell. Angst vor ihrer Berührung. Gierig, verschluckend, grob. Wir spüren ihre Grobheit noch: Du gehörst zu uns . Mein Käfig sei auch dein Käfig. Ihr Lächeln lockt: Besuch mich. Ich will und wir können doch nicht. Sie wollen nur dich, mich nicht. Sie lächeln tröstend. Ahnen etwas von der Kälte da draußen. Wollen nichts Genaueres wissen. Wir schleichen leise weg.

    Etwas orientierungslos stehe ich vor meinem neuen Arbeitsfeld. Ich bin ja von meiner früheren politischen Arbeit einiges gewohnt, habe die Routine der planmäßigen Organisation im Blut, aber so eine Diaspora habe ich nicht erwartet. Schaue ich mich in meiner neuen Nachbarschaft um, sehe ich Setzlinge, Sprießen und Blühen: lesbische Hebammenvereine, schwule Managergruppen, Homosexuelle und Kirche, schwul-lesbische Chöre. Wo da anfangen?
    Am besten mit einem bundesweiten transsexuellen LehrerInnenverband. Schätze, da muß ich gleich den Vorsitz in Bund, Land und Ort übernehmen Vielleicht eher BeamtInnenbund, das erweitert die Mitgliederzahl. Dann muß in der Stadt Transsexuellenberatung, Transenverantwortliche und ein Zentrum gefordert werden. Transen in den Gemeinderat. Überall muß ich auftauchen und die Frage aggressiv in den Raum werfen: Wie stehst du zur Transsexualität? Kann ich noch in meiner Frauen-Doko-Runde bleiben, mein Gott, mit wem wandere ich denn ab jetzt?
    Abzeichen, wir brauchen eindeutig transsexuelle Signale. Die Ringe in den Ohren sind besetzt, vielleicht einen Ring in der Nase? Die Welt soll uns an unseren Zeichen erkennen. Und eine Kneipe! Eine Transenkneipe muß her. Herrchen und Frauchen müssen draußenbleiben. Eine jährliche Filmwoche, wöchentliche Discos, Infostände in der Stadt, Zeitungsarbeit - Transen für und über Transen.
    Schwindelerregende Arbeit kommt auf mich zu. Welcher Hirnriß hat mich dazu getrieben, mich in so ein Notstandsgebiet plumpsen zu lassen? O Transengöttin, laß diesen Kelch an mir vorübergehen.

    Fühlen Sie sich schlapp, ausgelaugt, müde und desinteressiert?
    Hilft Ihnen auch der Sex nicht mehr?
    Dann probieren Sie es mit COMING-OUT.
    In jedem von uns steckt ein coming-out.
    Vergraben, verdurstet, eingerostet.
    Trauen Sie sich!
    Wir helfen Ihnen dabei.

    Vereinigte Pharmakonzerne Schering AG

    Wir sind irritiert. Unser X heult. Wird vom Unglück überschwemmt. Seine Kleider passen ihm nicht mehr. Aus der Facon gekugelt. Da bleibt nur der Schmerz. Und das in diesem Alter, wo es doch wichtigere Probleme gegen sollte. Y höhnt über diese angepaßte Memme. Wir sind irritiert. Wieso heult denn auf einmal X? X darf nicht heulen, das hat Y zu erledigen. Wir haben klare Rollenteilung abgesprochen. Alles muß seine Ordnung haben, X wird doch nicht krank werden? Wir sind besorgt. X hört nicht auf, schwemmt schluchzend alles raus. Nichts paßt ihm mehr und seine hübschen Ohrclips zu diesem verknautschten Gesicht und die Haut nicht mehr schimmernd und es will sich schminken. Aber da ist Y vor. Das kennt es, diese Vorschrift hat es satt, das hat es viel zu lange tun müssen. Lächeln, schminken, gut aussehen - hat sie denn X noch alle? X heult dazwischen: Und der Verfall überhaupt! Y sitzt da, breit grinsend, schmutzig, unflätig , qualmt und grölt: Ich bin die Norm, du Sau und ich krieg dich klein, darauf fällst du rein ! X zuckt, heult. Wir sind irritiert.

    Hoorig, Hoorig, Hoorig isch di Katz un wenn di Katz it hoorig wär, denn fing sie keine Mäuse mehr.
    Jo un du willsch etz e Ma si? Jesses, wenn des de Herrgott wüßt. Der het sich doch was denkt, wo der die Schöpfung agfange het. Do kasch doch du it reipfusche, des isch jo direkt e Sauerei. Was, du fühlsch des eso? Schwätz mer doch kei Veschper in d’Tasch, du hesch doch en Schprung i de Schüssel. Des siaht mer doch uff ei Blick, daß du e Wiib bisch. War’sch scho bim Dokter? Do schtimmt doch was it bi dir. S’ganz Johr Fasnet, des goht halt it. S’goht degege, des isch doch e Fasnetsmotto, des het doch nix mit em Läbe z’tue, do hesch was falsch verstande. Uff de Fasnet, do kasch richtig d ’Sau ruslosse, aber denn isch Schluß. Hesch scho mol vuneme Aschermittwoch g’hört? Was, tiefe Weisheiten in altem Brauchtum, Wahrheiten in der Narrenmaske? Gang bi andere ge schnurre, du tusch mine Ohre weh. Jede Zunft het ihr Häs un de Hergott her dir eis gäbe, un do bliibsch drtin. Jo, do hesch recht, was de Buur it kennt, des frißt er it. I han no nia e Vielfraß werre welle, un mit deim Hexeschuß kaasch mi jage. I krieg Schrätteledrucke vu dir. Des kennsch it? Grad du. Schrättele, des war e Wiib, des het sich nachts in e Tier verwandlet un de Lüt uff’d Bruscht g’hockt. Sottene wie dich hets immer scho gäbe.
    Nimm’s mer it krumm, kasch zum Esse bliibe. Brägele het i no, wenn’s der paßt. Esse tusch no normal, oder wie fühlsch des? Jesses, mer derf doch mol e Späßle mache, villicht isch jo bi dine viele Seelegeischter au einer, der lache ka. S’könnt jo sii. Soviel Seeledrucke muß jo schweißuslösend sii, kumm iß und drink ebbes, des hält Leib und Seel zsamme. Überleg’s der gut, was de machsch. Wie die Schwobe saget: Was mer hergibt, het mer nimme. Jetz loß mich halt schwätze, wie mir d’Schnurre gwachse isch, des isch jo a heikle Sach, oder it? Also. Schmeckt’s der? Denn isch gut.
    Simmer mol ehrlich, des isch doch irgendwo, also irgendwo isch des doch unnormal. Des stellt doch alles uff de Kopf, un des isch doch so unnötig. Guck dir die doch emol a. Die sin nie meh richtig ganz, dene sieht mer des doch a. Wer will denn die nochher no habe? I find des eklig. I wett so einen it nebe mit liege sehe. Un die Fraue, des Wort will einem gar it über d’Lippe. Dene stoht de Bart no im Gsicht, die Händ, die Stimm - des bliebet immer Männer. Des isch doch alles en Witz. Sei mer it bös, aber des isch kei Sach. Ich will jo nur s’Bescht für dich, du machsch di doch uglücklich uf dem Weg. Des sieht mer dir doch a, daß du it zfriede bisch. Hoho! Etz isch aber guet. Des muß i mir it sage losse vu dir, daß des nur an sottene wie mir liegt, daß es dir schlecht goht. Des it! G’esse hosch, etz hältsch dei Gosch und gosch. Aber dalli!

    Die Bionorm ist außerordentlich perfekt organisiert. Normentgleisungen werden sorgfältig registriert, die betreffenden Bios abgesondert. Ihre Aufbewahrung unterliegt historischen Schwankungen. Wurden früher geographisch ausgelagerte Großraumprojekte bevorzugt, werden heute defekte Bios in kleiner überschaubare Zentren aufgeteilt, von denen einige hermetisch abgeriegelt sind. Speziell ausgebildete Bios arbeiten an der Normanpassung und der persönlichen Glücksfindung abgesonderter Individuen. Wir müssen uns anstrengen, das hohe Niveau biogesellschaftlicher Ansprüche adäquat zu erfüllen. Mentale Stagnation, physische Defekte oder psychische Irritationen müssen wir strikt umgehen und erwarten, daß X und Y sich daran halten. Andernfalls wäre unsere Integration gefährdet.

    Brodeln Glühen Explosion
    Muskelzucken Stöhnen Aus
    Ach, Liebste, habben Sie schon einmal mit einem Schwarzen verkehrt? Nein, ich habe eine bosnische Putzfrau. Aber meine Liebe, das müssen Sie probieren. Ihre Schwänze sind wesentlich länger als die europäische Norm. Es muß ein Erlebnis sein, habe ich mir von meinen schwulen Freund sagen lassen. Ach, die Schwulen, die sind ja so herrlich ungehemmt. Übrigens, ein Albaner tut’s auch.
    Scheiße quillt in brubbelnden Strömen hoch, kriecht ins Gedärm, pufft erlöst aus Löchern in Gefäße.
    Zucken Stöhnen Aus
    Bionorm. Wer lutscht am besten? Lesben sind besser als Schwule, Schwule besser als Heten, Heten besser als Ratten.
    Zucken Stöhnen Aus
    Orgasmen brechen auf: Wo talken wir heute? Mein Mann will nur samstags, meine Frau überfordert mich, meine Kollegin ist Lesbe, Frauen stehen zu SM, ich liebe die Peitsche, ich habe schon Schwule geklatscht. Freiheit total.
    Zucken Stöhnen Aus
    Willst du meine Jüdin sein?
    Schwarze Lederstiefel geilen blaue Augen auf Peitschenrythmen
    Zärtlich reibt Leder an Haut
    Sanft gleitender Stab über Wirbel
    Schlag
    Mösen glitschen in Mösen
    Schwänze reiben an Schwänzen
    alles geht
    Hauptsache sauber.
    Es gibt bei sauberen Geschlechtsteilen keinen Anlaß, etwaige Selektionen zu sanktionieren.
    Orgasmen kreischen. Duschgel rutscht über Slipeinlagen in Zahnpasten -Ungeziefer ist ausgemerzt. Keimfreie Freiheit. Wenn ich einen Juden nähme, dann müßte der sich schon zweimal waschen. Nicht, daß ich Vorurteile hätte, aber sicher ist sicher. Ich lasse es mir gern gutgehen. Man achtet heutzutage doch wieder auf sich. Die Scham ist vorbei.
    Zucken Stöhnen Aus

    Sponsern. Wir müssen uns unbedingt sponsern lassen. Auf einer der letzten Tagungen gab es das bereits: Imbiß vom Pharmakonzern. Pharma kommt gut bei Transsexuellen. Politik und Konzerne ist sowieso die Geheimformel. Schwule und Lesben werden heute gerade als zahlungskräftige Werbezielgruppe entdeckt. Auf, ihr Transen, hängen wir uns dran. Mit uns kann man doch auch Profit machen, da lassen wir uns nicht diskriminieren.
    Pharmaindustrie also, Mode und Kosmetik auf jeden Fall, Übergrößen.

    Sind so kleine Hände !
    Sehnen auch Sie sich nach einem Kind? Wir helfen Ihnen, Ihre unerfüllten Träume zu realisieren, auch wenn sie transsexuelle, lesbische oder schwule Paare sind. In den Ländern dieser Welt warten elternlose Kinder auf Sie.
    Wir kennen uns aus.
    Kommen Sie zu uns, unsere Verbindungen sind global.

    Ihre NESTLE GmbH

    „Das Verstreichen von Zeit wird nicht in jedem Moment gleich empfunden. Während Routine und grauer Alltag den Gang der Zeit erschweren, läßt Abwechslung und Neues Zeit intensiver empfinden. Den Zeitsinn, das Empfinden der Zeit durch Unerwartetes und durch neue Eindrücke aufzufrischen, ist das Ziel vieler menschlicher Aktivitäten, wie einer Reise oder eines Ortswechsels, das Lesen eines Buches oder dem Besuchen von Kulturveranstaltungen.“ (Ankündigung Variete 97 in Berlin )
    Wir lesen. So machen sie es also, diese Bionormen. Jetzt verstehen wir dieses Y, das seine 3 Jungen aufzog, indem es 20 Jahre nachts arbeitete. Es reiste, las, besuchte die Kultur und verendete dadurch erst mit 54 Jahren. Klug eingerichtet. Wir bewundern ihr Normensystem, eine Balance zwischen Grau und Bunt, ein harmonisches Daseinsgraffitti. Jahrtausendelang entwickelt, verfeinert und ausgewogen. Bionormen haben es erreicht, ihre Lebenserwartung zu erhöhen. Wir müssen unseren Platz nur noch geschickt aussuchen, damit es uns auch so gut geht. Welches Grau werden wir wohl wählen. Das müssen wir zunächst mit X und Y ausdiskutieren. Soweit wir es übersehen, gibt es ausreichend Möglichkeiten in Grau. Darüber brauchen wir uns zunächst keine Sorgen zu machen, da werden wir sicher etwas finden.

    Schlürfende schmatzende Eingeweide saugen dich ein
    eloquente Kabarettisten hecheln in schweißtreibender Ekstase vor alternden Spießern
    stürzen suizidös in schmunzelnde Intellektuellenkadaver
    landen trunken in nihilistischer Ohnmachtsscheiße
    kabarettieren sich schlingernd ins Nulloptimum
    Fast so gut wie Ochsenmaulsalat

    Rosa Därme schieben stinkenden Freßmüll durch zuckende Windungen
    Echte Kulturler geben nicht auf
    zirkulieren professionell widersätzig , homöostasebalancierend mit
    in pausenloser Einsatzbereitschaft fürs Vaterland
    Rhetorikhetzer durchs Gehirn, Wortspeier gegen Schlammfluten

    Abrutschende Leichthirne blödeln sich in Seichtniederungen zu Tode
    treiben auf brüllenden Grölorgien in Schwarze Löcher
    begleitet von jodelnden Tenören in open air
    Boomende Volksbelustigung
    garniert mit Saumagen aus prominenten Kochbüchern
    schwemmt 10 kleine Negerlein ins Nichts
    Braune Endscheiße sammelt sich vor zusammengezurrten Endzeitlöchern
    verstopft befreiende Ausgänge

    Wir lesen und leben. Lesen ist einfacher. Da gibt es so viele schöne Gedanken, Geschichten. Leben ist anders. So platt. Wir haben gelesen, wie leben geht. Aber bei uns klappt das irgendwie nicht. Kein Wesen spricht so schöne Gedanken, deshalb leben wir ungern. Wir versuchen es immer wieder, aber lesen bleibt schöner. Wir sind ja nicht nur bioverkehrt sondern auch noch linke Altlast, unentsorgte linke Altlast. Nur noch lesetauglich. Wir wissen noch nicht einmal, wohin wir uns entsorgen könnten. Geh doch rein ins Buch, wenn’s dir hier nicht paßt, ist etwas lächerlich. Eine ihrer schönsten Beschimpfungen haben sie durch die Annexion gleich mitentsorgt. Schade eigentlich. Wenn die öffentliche Hand versagt, bleibt noch die private Entsorgung. Leben in der Liebe. Linke Transenaltlast sucht ihresgleichen. Die zu erwartende Erfolgsquote läßt uns tiefer ins Buch kriechen. Da, wo blinde Hühner noch Körner finden. Da, wo Träume noch
    stattfinden. Lesen ist einfacher als leben.
    Die meisten Wesen haben ihre Entsorgung gut im Griff. Sie nennen sie Kreativität oder Entwicklung und wählen aus einem vielfältigen Angebot ihren persönlichen Glücksweg. Das nennen sie Freiheit. Solange die Freiheitsrate die Profitrate nicht antastet, hat alles immer noch seine Ordnung. Diese ihre Freiheit bietet den meisten Wesen genug Möglichkeiten, ihr Leben zu entsorgen. Nur uns will das einfach nicht recht gelingen. Die linke Altlast bockt noch ein bißchen. Zickig wie in alten Zeiten will sie das ganze Leben. Unzeitgemäß hinkt sie hinter dem Fortschritt hinterher, kommt nicht aufs hohe Roß, versagt fluchend in neuen Schlüsselqualifikationen, palavert alte Dogmen, versagt in ästhetischen Dimensionen, ertrinkt im Wortschwall neoneoistischer Generationen, boykottiert alle persönlichen Beziehungen wegen funktionalen Warencharakters und sagt: Dann lies doch lieber.
    Was tun mit dieser Altlast, die uns vom Leben abhält, weil sie leben will? Wohin entsorgen? Sie stört unsere Homöostase im neuen Zeitalter der Freiheit, wir können mit ihr unmöglich ins Jahr 2ooo eintreten. Sie ist so entsetzlich rückwärtsgewandt.


  • Baden-Württemberg

    Ja, das ist ganz schön beschissen, daß Marion den Praktikumsplatz im Krankenhaus nicht bekommen hat. Das ist ganz klar eine Diskriminierung von Transsexuellen. Aber ich bin jetzt mal ganz ehrlich. Ich würde keine Transsexuellen als Praktikanten nehmen. Wenn die da sitzen, sind nicht Mann noch Frau, nein, das könnte ich mir nicht leisten. Das würde nur Schwierigkeiten mit den Kollegen geben. Auch du, wenn du mit Männerhaarschnitt und Anzug kämst - ich sag’ das mal ganz hart - du hättest keine Chance. Auch die Kollegen in der Gewerkschaft sind konservativ und ich bekäme da nur Schwierigkeiten. Nee du, Avantgardefunktion, das kannst du da nicht bringen, die würden das nicht verstehen. Und da bin ich ganz ehrlich, ich brauche deren Stimmen zur Wiederwahl, und die krieg ich mit so was nicht. Ja, da gebe ich dir recht, das hat was mit Ekel zu tun. Den Erich z.B., der ist ja Personalrat, den mag ich sehr gern und das ist auch ein schöner Mann, finde ich. Also ich kann ja nichts dafür, ich stehe auf Frauen und wenn ich mir vorstelle, der Erich küßt Männer, so richtig, da läuft’s mir eiskalt den Rücken runter. Das ist schon eklig, da hast du recht. Und wenn der Erich sich jetzt plötzlich schminken würde, ich weiß nicht ob ich ihm Rückendeckung geben könnte. Das finde ich zwar falsch, aber es ist so, das sage ich dir ganz ehrlich. Willste noch’n Bier?

    Feuchte Hundeschnauzen
    schnüffeln Intimgeschmacksproben
    Rüdenschwänze
    steifen sich angesichts schmiegsamer Stutenärsche
    Ziellose Blicke treffen auf Augen
    Lippen gezogen zu schmalem Lächeln finden Bereitschaft
    Finger haken in Finger
    Hände wandern an Profilen
    Zungen poren über Haut
    Tropfen leckend, Höhlen suchend
    Rüdengebell verschmilzt mit Stutengestöhn
    zu feuerschleimigem Höllenspuk

    Schmalgezogene Lippen lächeln
    Volltreffer

    X steht da und sieht dieses Homobio an. Es ist nervös, verlegen. Es will flüchten, kann aber nicht. X ist ruhig. Etwas amüsiert. Es ist eines dieser Bios, die gejagt werden wollen, ehe sie sich hinlegen. X grinst. Kannst du haben, wenn du es darauf anlegst. Die Sache läuft gut. Einziges Risiko: Y könnte auftauchen. Sobald es sich einmischt , läuft gar nichts. Aber es scheint rücksichtsvolle Phasen zu haben, es ist nirgends zu sehen. X lächelt freundlich mitten in die Augen des Homos. Das zuckt leicht weg, bleibt aber tapfer stehen. X nimmt entspannt unseren ganzen Körper in Besitz. Wohlig warm durchläuft es uns. Wir mögen es, wenn X sich ausdehnt, es ist so ruhig und sicher. X37, so heißt das Homobio, plaudert gerade über seine Arbeit und versucht, seine irrenden Augen unter Kontrolle zu bringen. X lächelt. Y hat sich mit X37 überworfen. Es haßt seinen gefühlskalten Zynismus, seine Komunikationslosigkeit, seine Fassade. X37 ist ein perfekter Lockvogel, eloquent, geliebt, bewundert. Eine fleischfressende Pflanze, in deren Duftfalle Bios krepieren. Es hat Y tief verletzt, das verzeiht es ihm nicht. Miese Geschlechterspielchen getrieben, dafür muß es sterben.
    Da kennt Y nichts. X hört dem Bio weiter zu, es mag es. Worte plätschern belanglos zwischen den Körpern, Blicke verfangen sich. Das Homo stockt, bricht ab. X lächelt in diese unruhigen Augen. Wir haben Zeit, sagt es.
    Plötzlich hat X37 es eilig., denn ihm ist ein Termin eingefallen.

    Es gibt Streit. Y ist hart und kalt. Duldet X37 nicht in seiner Nähe. Hat aus Solidarität geschwiegen, genau beobachtet. Jetzt bricht seine ganze Wut heraus. Es wird keinen Zentimeter rücken, dieses Bio hat keine Chance. Y wird es töten. Hochaufgerichtet pendelt die Kobra, bereit zum Angriff. Augen scharf wie Smaragde. Die Worte kommen klar, die Analyse ist exakt. Das Bio ist tot. Y ist kompromißlos, seine Freiheit bedingungslos.
    X schweigt. Gegen diese Verletzungen ist es machtlos. Es schaut Y an, dieses schöne Wesen an seiner Seite, stolz und unbeugsam. X liebt Y und will es nicht verletzen. Das hat es gelernt auf unserem Weg, daß sein Leben von Y abhängt. Y würde niemals ein herkömmliches Bio X neben sich dulden. Aber es geht zu weit. Unterdrücken läßt X sich nicht.

    Das Leben zwischen Bios ist gewöhnungsbedürftig. Sie besitzen einen Körper und halten sich an die Regeln ihres Geschlechts. Das führt zu grotesken Erscheinungen. Xen ist es unter strengster Strafandrohung wie Berufs- oder Gruppenausschluß verboten, sich zu schminken oder spezifische Kleidungsstücke vom anderen Geschlecht anzuziehen. Ihre körperliche Schönheit ist auf muskulöse Kraft und Stärke beschränkt, wozu es die passenden Suchtmittel alkoholischer und nikotinhaltiger Art gibt. Ypsilonen dagegen haben die Brutpflege der Jungen und Regeneration von Xen zu leisten, wozu eine spezielle ästhetische Norm gehört, die ihren Wert für die Fortpflanzungsgemeinschaft festsetzt. Verfallserscheinungen, Krüppeleien und ästhetische Deformationen mindern den Wert von Ypsilonen beträchtlich, während Xen durch mentale Stagnation, körperliche Schlaffheit und Leistungsdefizite aus dem Angebot fallen. Kurse jeglicher Art bieten daher für alle die Möglichkeit, sich für den Geschlechtsmarkt zu ertüchtigen.
    Beide Geschlechter halten sich in der Regel an ihre höchst differenzierten Normen, haben sie so internalisiert, daß sie zufrieden sind und mit Abwehr auf Abweichler reagieren. Grenzgänger werden gerne in der Kultur akzeptiert, mehr läßt die paranoide Struktur nicht zu.
    Wir können stundenlang an der Straße sitzen und ihrem Karneval zusehen. Jede Art hat ihren Gang, ihre Gesten, Blicke, Haltungen. Geklonte Xen begegnen geklonten Ypsen in einem ritualisierten Beziehungssystem. Vielfalt erschöpft sich bei dieser Gattung in der Frage: Wie klone ich mich am auffälligsten. Das Amüsante ist, daß alle dieses Spiel todernst spielen, ihre Normiertheit gar nicht bemerken. Da die geschlechtsspezifischen Regeln sich von platter Starre zu einem vielfältigen Geflecht ausdifferenziert haben, gehen selbst intelligentere Bios dem Zwangscharakter ihrer Existenz auf den Leim und leben im Wahn, frei entscheiden zu können, wo in Wirklichkeit das Klon noch herrscht.
    Wir sind entzückt. Das interessanteste Buch, der spannendste Film ersetzen uns diese Realsatire nicht. Stell dir vor, du gehst auf die Straße und bist in der Psychiatrie.

    X ist schwer sauer. Y hat sich in sein Liebesspiel frech eingemischt. Gerade stand es mit X37 frivol tändelnd im Gespräch, da öffnet dieses Unwesen doch den Mund und sagt: Weißt du, wie Transen mit Homos sexen? Zuerst wird dir einer geblasen, bis du schön locker entspannst, dann greift eine kräftige Hand deinen Schwanz und führt ihn in ein schwarzes Loch, das dich einsaugt in unendliche Tiefen, die du nie geahnt hast, du fällst in galaktische Räume, orientierungslos, besinnungslos, Körpergrenzen lösen sich auf, du torkelst endlos in dein Nichts, bis du deinen Schwanz wieder herausziehst, blutverschmiert, ausgesaugt, abgeschlafft - und mit Entsetzen begreifst, du hast gar keinen mehr.
    X37 steht merklich erstarrt, aber immer noch höflich. Seine freundliche Verabschiedung wirkt etwas hastig. X schreit Y an, aber das grinst nur höhnisch und wendet sich ab. X ist so wütend auf dieses Miststück, daß es es umbringen könnte. Das ging zu weit. Y hüllt sich hoheitsvoll in Schweigen. Sein Ziel, ein einziger Berg von Unflat zu sein, ist erreicht. Dieses dämliche X ist ihm so gleichgültig wie irgendwas. Es genießt die Situation von vorhin, spult sie im Kopf ab, onaniert kurz und zieht sich kommentarlos in seine Höhle zurück. X ist auf der Stelle bereit, abzuhauen und wir fluchen gemeinsam auf die Transsexualität.

    Etz war’sch aber scho lang nimme do, Kind. Schön, daß i di wieder emol sieh. Goht’s dr besser? Siehsch e weng frischer us als letzschmol. I han viel nochdenkt über dich. Du warsch doch immer so e luschtigs Mädle, was hän mir glacht über dich. Wo i siebzig worre bi, hesch e Schpiel mit uns gmacht, da han i e Casanova schpiele solle. Het mers dert scho merke solle? Aber des hämmer scho immer gmacht. Wosch no, wo din Vater un din Onkel Rebwiiber an Faßnacht waret? Des isch alles it so schlimm. Nur übertriebe sottsch it, Kind.
    Un denn schwätzsch au so viel über Sache, die sott mer it in Mund nämme. Din Opa, des war e aschtändige Ma. Wo mir verlobt ware, het der, er war jo Fußballer, immer d’Schnür vu sinem Hemd, do wo d’Bruscht isch, z’sammezoge, damit i d’Hoor it sieh, wenn i emol kumme bi. Un später, wo d’Töchter im Hus waret, un er isch grad i de Unterhos usm Bad kumme, do han i gschrie: Gustav, renn! Des hat sich für uns so ghört. Aber du bisch so andersch.
    Weisch, i bin hüt no schtolz, daß mi din Opa nie nackt gsäh het. Gell, do lachsch du, aber mir waret halt so.

    Wir schlagen uns nicht mit Jahrhundertfluten, nur Monatsrinnsale fordern manchmal unsere ganze Konzentration. Für Y die normalste Sache der Welt, für X ein Fremdkörper, der nicht seiner ist. Wir rasen los in die Drogerie, eilig wie immer, weil uns der Fluß überflutet. Wenige Minuten später stehe ich leicht überrascht zwischen reizenden Alternativen von Clopapier, ohne eine einzige Binde. Kurzes Peilen der Situation - etwas ist komisch. Ich weiß nicht mehr, wo dieses verdammte Zeug ist. Y hat uns schlagartig verlassen, mit ihm dreißig Jahre Erfahrung. Ich stehe mit X in diesem Laden. Handlungsunfähig. Aber X wäre nicht X, wenn es nicht sofort einen strategischen Plan entwickeln würde. Logik hilft noch jedes Mal. Erleichtert steuere ich mein Ziel an - und stehe entgeistert zwischen Kinderwindeln. Von Binden keine Spur. Eine Welt bricht in mir zusammen. Sie müssen hier sein. Es gibt keine andere denkbare Lösung. Ich stehe. Leichte Panik kommt hoch. Y ist weg. Schweigen. X ist völlig ratlos. So muß Alzheimer sein, denke ich, muß aber doch grinsen. Wenn man Xen mal ranläßt..... X ist stur, läßt mich nicht weitergehen. Es muß hier sein. Ich warte geduldig mit ihm, finde Gefallen an der Groteske. So macht transen Spaß. Ich habe tatsächlich nicht die geringste Ahnung, wo diese Blutsauger sind. X gibt auf, wir gehen verwirrt alle Regale ab, bis wir sie bei Kosmetik finden. Bei Kosmetik!!
    Y hat sich nicht zu seinem Verschwinden geäußert. Vier Monate lang geht dieses Spiel, obwohl X und ich uns jedesmal sicher sind, jetzt wissen wir es. Vier Monate, mit einem winzigen Lernfortschritt: Wir ignorieren das Clopapier und landen sofort bei den Windeln.

    FUN-REISEN präsentiert:
    Erleben Sie die einsamsten Strände
    Entdecken Sie die interessantesten Gesichter
    Tauchen Sie ein in die farbenprächtigsten Völker mit ihrer einzigartigen Folklore

    Alpträume gurgeln hoch, zerfetzen dein Gehirn im zerstückelten Körper.

    Fackeltragende Riesenschwänze marschieren das Deutschlandlied singend in geifernde Mäuler. Blonde Arierinnen lecken blankgewichste Stiefel, während Judenvotzen ins Gas huschen. SS-Rüden empfehlen blaugeschlagenen Ratten das richtige Intimspray und schreien mit rauhen Stimmen: Ein Lied, worauf nackte Transen, aufgehängt an Totenkopfpfählen im Kanon singen: Es wird einmal ein Wunder geschehn. Lichterketten für den Frieden schlängeln sich um brennende Türken, die fröhlich in ein überdimensionales Erdloch springen, wo schon diverse Krüppel und Penner mit eingeschlagener Fresse vergammeln. Skinheads werfen noch eine Handvoll Tunten dazu und stampfen: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.

    Faulende Wunden triefen in Schmutzwasser, Verwesung steigt in Sommerluft

    Mein Gott, man weiß ja heutzutage nicht mehr, wohin man spenden soll.
    Wissen Sie, mein Mann und ich haben es uns nie leicht gemacht. Wir wollen unser Solibudget gerecht anlegen, aber die Katastrophen kommen mittlerweile so schnell hintereinander, wir sind einfach überfordert. Da gibt es die stabilen Kriseneinsätze, das hat doch was Beständiges, Vertrautes, andererseits die spontanen Notfälle, die treffen direkt ins Herz. Oder Aids. Da bricht ein Kontinent zusammen, was etwas Gigantisches in sich birgt, eine Neuordnung großen Ausmaßes, aber die Hilfe vor Ort ist doch persönlicher, wärmer. Man wird eingeladen zum Brunch, knüpft interessante Kontakte, Nähe entsteht ,das Spenden ist so konkret, menschlich. Der Bezug zu Afrika ist intellektuel, mein Mann bevorzugt eher so etwas, während ich zur lokalen Spende tendiere. Ich lerne gerne Menschen kennen. Nun gut, wir haben seit zwei Jahren eine Pause eingelegt, einen karitativen Jackpot angesammelt, bis wir uns neu orientiert haben. Man trägt schließlich Verantwortung.

    Schleim kriecht
    sauber gereinigte Penisse hoch
    Schmodder fällt aus
    sterilen Scheiden in blutige Tampons.
    Stinkende Embryonen gebären sich in Brutkästen
    nach Scheiße und Peitsche schreiend.

    Totgeborenes Menschenfleisch
    verwest zwischen
    Weichspülern und klinisch getesteten Orgasmen
    erstickt an
    Negeknöchelchen und Judenhoden
    verendet unter
    Humtata auf weißem Damast.
    .
    Wir suchen das Leben. Die Angebote des Biosystems schrecken uns jedesmal zurück. Wir können unseren Wert nicht mehr definieren, was im Biosystem höchst wichtig ist. Bios müssen wissen , wofür sie was wert sind, denn in ihrem System regieren Angebot und Nachfrage. Nach uns fragt niemand. Wir bleiben still, wollen nicht verschlungen werden. Wir haben nur dieses eine Leben. So winzig, einzigartig, wertvoll. Bios scheinen das nicht zu kennen. Sie lassen sich gut brauchen, ihre Phantasie wirkt begrenzt. Ihre Leben erledigen sie meist ohne Leidenschaft, jedoch gewissenhaft. Profitable Bios werden belohnt - Bioland schenkt ihnen Kreuze. Wer das System eifrig und kostengünstig stützt, hat einen Wert. Nur wenige Bios haben viel Geld, mehr kann sich das Biosystem nicht leisten. Die Oberbios nehmen sich viel Zeit, dies der Biomasse geduldig und einfühlsam zu erklären und haben damit auch Erfolg. Die Bios fühlen sich wohl, wenn sie gebraucht werden und sind mehrheitlich mit ihrem Wert zufrieden. Nur wenige wehren sich gegen die scheinbare Naturgegebenheit solcher Norm. Wir vermuten die Ursache im Versprechen einiger führender Bios, paradiesische Zustände nach der ersten Existenz wären zu erwarten. Trotz ihrer unbegrenzten Erkenntnisfähigkeit stagnieren sie auf dieser infantilen Mystikebene. Erstaunlich.

    Wir sitzen im Auto. Der Gruppenabend war schön, die Gespräche mit dem neuen XY interessant. .Es sitzt neben uns, wir fahren es heim. Dunkle Augen sehen uns von der Seite an, eine xige Stimme sagt :Du fährst gut Auto. X windet sich verlegen, Y schießt die grüne Wut in die Augen. Es wird ungemütlich. Wir wissen, was kommt. Kochst du gerne?, fragt die Stimme weiter. Wir verneinen, der Wahrheit entsprechend und ernten ein befriedigtes Kopfnicken. Prüfung bestanden. Die Situation ist peinlich. X sinkt in resigniertes Schweigen, Y tobt über soviel Doofheit. Wir entledigen uns schnell unserer Last und sind uns endlich mal einig: So ein unsinniger Quatsch.

    Wenn die Nacht kommt, beginnt unser Vergessen. Tiefe Räume öffnen sich, gesichtslos betreten wir Zeitschleifen, weit entfernt von Geschlecht, Alter, Körper. Galaxien tauchen auf, schwappen leise um uns. Y sitzt am Ufer und läßt still Sterne um seine Füße plätschern. X fährt mit dem Auto in den Mond, laute Musik hörend. Aufatmend und wortlos nehmen wir uns in Besitz. Seit wir wieder arbeiten, sind diese magischen Stunden seltener geworden. Wir orientieren uns in unseren Körper zurück , den Tag, das Leben draußen zu lernen. Der Kampf wird leichter, beide Zustände beginnen harmonisch zu verschmelzen. Die Wunden, die der Tag uns schlägt, heilen ab.

    Hohoho, der Jud liegt auf dem Stroh
    Stroh fängt an zu brennen
    Jud fängt an zu rennen
    Hohoho, der Jud liegt auf dem Stroh

    Faßnachtslied aus dem Rheinischen, 16.-17.Jh.

    Dorf in Brandenburg will keine Juden

    Nach lautstarken Protesten von Einwohnern werden 6o jüdische Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion nicht in dem brandenburgischen Dorf Gollwitz bei Potsdam untergebracht. Brandenburgs
    Ausländerbeauftragte Almuth Berger sagte, die Ereignisse seien weniger die Folge bewußten Antisemitismus’ als unglücklicher Planung und „allgemeiner Abwehrhaltung gegenüber allem Fremden“. Der Vorsitzende von Berlins Jüdischer Gemeinde, Andreas Nachama, sprach von einem „traurigen Höhepunkt“ der Judenfeindschaft, die man seit 1945 besiegt geglaubt habe.

    Kleine Dörfer schmiegen sich in grüne Täler, anständig umzäunte Gärten schleudern ihre Farben in Augen ehrbarer Bürger, ordentliche Orgasmen sickern in weiße Laken, das Land stöhnt. Ein Dorf will porentief rein sein. Morsche Knochen zittern in bürgerlicher Fassade, kranke Gehirne schleimen Alptraüme, kariesfreie Mäuler geifern Unrat.
    Der Jude an sich ist ja ein Mensch, davon muß ein Deutscher inzwischen ausgehen, zweifellos besitzt er eine Würde, die Jüdin ebenso. Strittig ist nur die Frage, ob man mit allen Menschen können muß. Vorlieben dürften doch nicht verboten sein. Und sechzig auf einen Schlag, das muß der Deutsche verkraften lernen. Bei seiner komplizierten Vergangenheit hat er das Recht, sensibel und liebevoll an sein Trauma herangeführt zu werden. Würde es für den Anfang nicht reichen, ein Jude für ein Dorf? Schließlich ist des Deutschen Judenschock erst 52 Jahre her. Das muß der Jude doch verstehen, wo er angeblich intelligent sein soll. Da kann er doch nicht im Rudel antanzen! Etwas Feinfühligkeit kann man wohl verlangen, sofort wieder mit der Überfremdung zu beginnen, ist unklug. Der Deutsche an sich ist zwar gutmütig, aber leicht reizbar. Wenn es zu stark jüdelt, fühlt er sich angegriffen und schafft sich sofort einen Schäferhund an. Das kann der Jude doch nicht wollen. Überhaupt ist es wenig verständlich, warum er den Deutschen nicht einfach in Ruhe läßt. Hat er es wirklich nicht begriffen, daß er nicht gern gesehen wird? Würde hin, Würde her, wenn er es nicht lassen kann, dann bitte in humanen Dosierungen.

    Doch, diese Sarah ist nett. Aber muß sie denn so was durchziehen? Ich mußte dauernd auf seinen Arm starren. Diese zierliche goldene Armbanduhr an diesen riesigen Arbeiterhänden, das stößt mich ab. Das ist so unpassend, so lächerlich. Angezogen hat sie sich geschmackvoll, die Leggins kann sie tragen, schlanke Beine - aber die Schuhe! Habt ihr die gesehen? Man spürte genau, wie er diese breiten Füße in diese engen Pumps gezwängt hat. Richtig ausgebeult waren die. Das muß doch wehtun! Sein Gesicht ist feingeschnitten, das muß man ihm lassen, er ist ein schöner Mann. Aber eine Frau? Nie im Leben.

    Ursprünglich kommen wir aus dem Urwald. Wir haben leider noch nicht herausgefunden, welchem Stamm wir angehören, da wir erst spät davon
    erfuhren. Jahrelang lebten wir ruhig und gelassen in diesem Land, bis unser oberstes vorgesetztes Bio in einem Interview der Presse kundtat, es täte ihm leid, daß es solche wie uns einstellen müßte, wo wir aussähen, als kämen wir direkt aus dem Busch. Das stürzte uns ins Grübeln. Immerhin war es unser Chefbio und würde sicher keinen unreflektierten Dreck daherschwätzen. Es ist studiert, hat sich nach oben gedient und regiert mit. Ein sogenannt qualifiziertes X, unerotisch wie eine Schweinshaxe , dafür aber christlich-rechtsgedreht. Wem die Macht genug Erotik ist, darf auch so aussehen. Es gönnt sich wahrscheinlich sonst nichts, das Arme.
    Der Busch war bis dahin weit von uns weg. Höchstens wilde Schwarze in Baströckchen kannten wir aus unserer Kindheit, als sie im Faßnachtszug mithüpften und wir wußten, es waren verkleidete Nachbarn. Die echten Schwarzen, die wir später trafen, trugen unsere Kleidung und sprachen unsere Sprache. In Filmen betrachteten wir Stammesrituale, kamen aber nie auf die Idee, es hätte etwas mit uns zu tun. Bis zum Chefinterview. Danach machten wir uns an die Arbeit.
    Y erlahmte schon nach kürzester Zeit in der Grundlagenforschung und gab zu, daß es keinen Zugang zu seinen Buschtraditionen fände, da könne sich das Chefbio an den Hoden aufhängen, Y verweigere sich.
    X war dem Busch nicht abgeneigt. Archaisches Trommeln, das sich zum Stakkato steigert, Muskeln vibrieren läßt, die Sinne ergreift, grünes Gehölz, In dem Füße rythmisch stampfen, Körper wild um einen Pfahl tanzen, Speere, die kraftvoll gestoßen, einem Stammesfeind den Tod bringen, Trommeln und Stimmen, die zu einem Siegesgesang verschmelzen - das hat X alles schon gespürt.
    Dann hatte es wohl recht, unser vorgesetztes Bio, irgendwie kommen wir aus dem Busch.


  • Baden-Württemberg

    Mit dem Schrott ist das so eine Sache. Das Biosystem ist ein bulimisches. Bulimische Organismen schlingen ständig Unmassen von Nahrungsmitteln in sich hinein, um sie dann - möglichst geheim - vor der Verdauung auszukotzen. Was beim einzelnen Bio kein Problem ist, weil es den Auswurf in die Kanalisation entsorgt, wird für das Biosystem zur unlösbaren Aufgabe. Sein aufgeblähter Schlingapparat erzeugt fortwährend Abfall, die perfektionierte Produktion rationalisiert immer mehr Bios zu Ausschuß. Zu jung, zu alt, zu behindert, zu langsam, zu krank, zu dumm. Dieser Schrott wird ständig ausgekotzt und breitet sich epedemieartig im System aus. Staut sich auf sauber geputzten Straßen, lungert in Arbeitsämtern, verhunzt schicke Einkaufsmeilen und beleidigt renovierte Fassaden. Nicht mehr verwendbare Bios erbetteln sich ihre Existenz, Schrottkadaver vegetieren auf öffentlichen Plätzen und stören den reibungslosen Ablauf der Geschäfte.
    Die Nullwertigkeit seiner gesellschaftlichen Existenz ist dem Bioschrott mäßig bewußt. Minderwertige Bios zeigen sogar häufig mangelnde Krankheitseinsicht und fordern Gleichbehandlung mit höherwertigem Leben, was leichte Besorgnis in Führungsetagen erzeugt. Heimliche Entsorgung ist nicht mehr möglich.
    Obwohl ein Teil der Bioindustrie verschiedene Suchtwege erfolgreich anpreist, ist diese Lösung zu langfristig, die Eliminierung dauert Jahre. Auch die Selbsttötungsrate - die sauberste Lösung - steigt nur langsam. Manche Bios ergreifen schon mal unternehmerische Initiative und schlagen ein paar Einzelexemplare tot, nachts, da schläft ein Teil des Schrotts im Freien und ist leicht jagbar. Einige erfrieren im Winter, andere setzen Goldene Schüsse, der Rest verkümmert stumm. Aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es kommen zu viele zu schnell nach, das Biosystem ist überfordert.

    Anita hat mich in ein Möbelhaus geschleppt, Betten angucken. Wir fahren mit einem älteren Ehepaar im Aufzug. Der Mann schaut mich an. Ich sehe in seine Augen und bin irritiert. Diesen Blick kenne ich nicht. Kalt, sachlich, direkt, gefühllos, hart? Ich finde kein Wort. Er sagt etwas zu mir, sein Mund bewegt sich. Ich höre nichts. Diese Augen fesseln mich. Ich kann sie nirgends einordnen, starre hinein. Der Aufzug hält. Beim Hinausgehen fragt er seine Frau: War das ein Mann oder eine Frau? Die Frau ist peinlich berührt, zieht ihn weg. Fassungslos erinnere ich mich meines Körpers: buntbedruckte Weiberleggins, roter ausgeschnittener Mohairpulli , Weiberohrringe, rote kurze Weiberhaare, Weiberbrille, runder weiblicher Körper, großer Busen.
    Die riesige Bettenetage ist leer. Er und ich zotteln den Frauen hinterher, die eifrig irgendwelche Betten abwägen und beäugen uns aus jeder Ecke höchst mißtrauisch. Gefühle klettern zögernd hoch: Das war ein MannzuMann-Blick,
    der hat mich nicht erkannt, oder richtig erkannt, dieser Blick, da fehlte das Frauenobjekt, er hat mich für einen Mann gehalten! Anita hat nichts gemerkt und überschwemmt mich mit Möbelästhetik. Der Mann und ich drehen uns immer wieder nacheinander um. Das war das erste Mal.

    Marlies ist Lesbe und Markus heterosexuell, Thomas steht auf Frauen, Kathrin auf Männer. Marlies und Thomas haben Schwänze, Kathrin und Markus Mösen, während der schwule Fabian zwar den Busen los ist, der Schwanz aber fehlt. Daniel findet Frauenkörper ästhetischer, ist seit der Hormonbehandlung im Stimmbruch, bindet seinen Busen weg und liebt eine Frau. Tanja schminkt sich genial, trägt gerne Miniröcke und hat sich den Schwanz gepierct. Desiree ist operiert, lebt aber wieder als Mann mit einem Schwulen. David verändert seinen Frauenkörper nicht, sucht keine Heterobeziehung und wartet ab. Eva leidet an ihrer starken Körperbehaarung, kämpft mit ihrem Bart und wird von Frauen als Macho angemacht, was sie tragisch findet. Knut lebt in der SM-Szene, ist schwul und wird aus Schwulenkneipen wegen seiner Möse rausgeschmissen. Stefanie ist operiert, aber eine multiple Persönlichkeit, so daß ihr Mann nicht zum Zuge kommt, während Wolfgang nach der OP glücklich verheiratet ist. Julia nimmt neuerdings Hormone, um der Umwelt die Verwirrung zu nehmen, Felix ist froh, die Eierstöcke los zu sein und wartet auf den Penisaufbau. Berndt liebt Michael und hat sich an die neue Variante eines Lochs gewöhnt. Oliver hat mit dem neuen Schwanz Potenzprobleme, aber Karla genießt den Frauensex gewaltig, obwohl sie kräftig hinhalten muß, weil, wie sie sagt, Männer rücksichtslos sind, was er auch war, früher. Sandra wird sauer, wenn sie als Lesbe mit Schwanz bezeichnet wird, weil das Geschlecht nicht zwischen den Beinen hängt ,während Gabis Frau sehr wohl auf dieses Ding beharrt und ihr fünfjähriger Sohn immer sagt: Mein Papa ist ‘ne Frau. Natascha darf Georgs Busen beim Sex nicht berühren, Marlies steht auf Georg, der steht auch auf Frauen, aber nicht auf Lesben. Maria und Alexander stehen vor der Scheidung, aber die war vorprogrammiert. Beide sind normal.

    XY5 ist unglücklich. Sein Selbstbild schwankt leicht im Wind der Außenwelt, einen heißen entspannten Sommer erwartend, wo Sonnenstrahlen Poren öffnen und Seelen fliegen lernen. Federwölkchen nehmen Augen mit auf Flugschleifen in durchsichtiges Blau, Hände cremen gebräunte Brüste ein, Bauchdecken vibrieren zärtlich. XY5 ist unglücklich, weil dieser Sommer nicht kommt. Dabei hat alles so gut angefangen. Es hatte sein Leben endlich in die Hand genommen und laufen gelernt. Liebevoll hat es sich in sein Y-
    Leben begleitet und mutig diversen Bios gestellt, die es gemäß einer Biovorschrift begutachten müssen. Jedes Gutachten ein Sturz in alte Verletzungen, jedes Mal neu aufstehen, weitergehen. Die Suche nach Arbeit ein Spießrutenlaufen durch ignorante Norm, die Ablehnung eine Demütigung menschlicher Existenz.
    Dann wagte es den großen Schritt in die Liebe, es antwortete auf eine Kontaktanzeige. Es hatte Glück und traf auf ein mutiges X, das neugierig genug war, sich auf Unbekanntes einzulassen. XY5 begann zu lieben, Geborgenheit bekam ein Gesicht. Das erste Mal. XY5 genoß die Liebe und die Hormone taten das ihrige. Die Haut wurde glätter, die Körperhaare weniger, die Brust wuchs, das Leben war schön. Leider hatte sich das X überfordert, das erste Mal war ein kurzes und XY5 ist unglücklich. Seine Namensänderung ist anerkannt, das hat es noch durchgefochten. Jetzt ist
    seine Kraft erschöpft. Es will nicht mehr. Die Berge der Außenwelt sind zu steil, die Gipfel unerreichbar. Die Kälte eines Biosommers hat XY5 erfrieren lassen. Die Operation weit entfernt, die Anerkennung als Y in der Gesellschaft fragwürdig, kaum Aussicht auf Arbeit, die Liebe weg - XY5 hat beschlossen, sich zu töten. Will den ungeliebten Körper aus einer lieblosen Welt entfernen, Ruhe finden statt kämpfen müssen. Wenn es tot sein wird, hat es neunundzwanzig Jahre Überlebensversuch hinter sich.

    X10 hat zärtlich den Mond ein bißchen gebogen und ist danach schwimmen gegangen. Nachts, als das Wasser schwarz und der Wald leer war. In der Mitte des kleinen Sees kam der Himmel langsam auf X10 herunter, die Sterne umhüllten seinen Körper, Grenzen lösten sich auf und es war gut. Die Enge eines Lebens zwängte nicht mehr, es fühlte sich stark und ließ seine Träume in den Alltag schweben. Die Anderen haben X1o nicht mehr verstanden. Jetzt sitzt es in der Psychiatrie und lernt, wie man im Biosyste zu funktionieren hat.

    Ich stehe breitbeinig in der Sonne. Ich sehe auf den gekrümmten Rücken, der vor mir kniet. Ich werde meine Arbeit verrichten und das Werk vollenden. Das vor mir ist unwertes Leben. Ich richte die Pistole auf das Genick. Wir sind in ein Räderwerk geworfen, dem wir gehorchen müssen, der Rücken und ich. Er bewegt sich nicht. Für einen Bruchteil Zeit werden wir uns berühren, unsere Leben sich kreuzen und ein Gesang wird aufsteigen, heil und rein. Ich drücke ab. Der Rücken fällt zusammen. Ich stehe hochaufgerichtet, Bäume schimmern im Licht, die Sonne wärmt.
    Ich wache auf. Ich bin ein Nachgeborenes, gestürzt in atemschweigende Finsternis, verdammt zu denken und zu erkennen.

    Unsere Wohnung ist wieder einmal ein Dreckschaos. Wenn wir auch sonst nichts zustande bringen, da sind wir erfolgreich. Bedauerlicherweise sind wir uns in dem Punkt ähnlich. Persönlichkeitsspaltungen könnten doch mal praktischen Nutzen haben. Ein Putzteufel in der Wohnung wäre nicht schlecht. Die WG hat uns noch einigermaßen gesellschaftskompatibel gehalten, aber seit wir alleine wohnen, ufert es aus. Keines von uns macht Anstalten zu dringend notwendigen Säuberungsaktionen. Gott sei Dank sind Putzmittel treue Wesen, sie warten mit uns auf bessere Zeiten.

    Arnold Schwarzenegger, entsprechend gebaut, etabliert, gut situiert, mit Netzstrümpfen, Minirock und hochhackigen Schuhen, das ist eine bösartige Unterstellung, Herr S., das erwartet niemand von Ihnen, aber sie müssen mir Ihre Transsexualität schon begründen können. Schließlich gibt es ein Gesetz, nachdem ich sie begutachten muß, damit Sie Ihre Operation bekommen, und da sollten wir schon konstruktiv miteinander arbeiten.Und glauben Sie mir, ich habe so lange Erfahrung, daß ich Sie schon nach einer Sitzung beurteilen kann. Sie sagen, Sie leben jetzt weit über ein Jahr den Alltag als Frau, so sind Sie auch hier, aber Sie wirken doch sehr unsicher. An Selbstvertrauen scheint es Ihnen zu mangeln. Das ist schön für Sie, daß Sie auch als Frau um mehr Selbstbewußtsein ringen können, aber für meine Beurteilung ist Ihr jetziger Zustand wichtig, Herr S. Ich habe viele wie Sie gesehen, die angeben, wie wichtig es für sie wäre und nichts unternahmen. Sie haben keine Arbeit, was ich problematisch finde. Ihre Lebensumstände sind ungeordnet, Sie hängen noch am Rockzipfel Ihrer Mutter, haben Kontaktschwierigkeiten mit Ihrer Umwelt und glauben, mit einer Operation etwas zu verändern. Tja, Herr S., auch wenn Sie mich oberlehrerhaft finden, gehen Sie nach Hause, regeln Ihr Leben und dann können wir noch einmal über ihre Transsexualität sprechen.

    Streß kriecht in Ihnen hoch
    Ihr Leben gerät in Unordnung
    kambodschanische Hungerbäuche krallen sich in Ihre Gedärme
    sterbende Augen verderben Ihr Essen
    zahnlose Kindergreise verrecken neben Ihrem Bett
    Streß vergällt ihren Relax
    Kennen Sie dieses Gefühl? Das muß nicht sein. Geben Sie Ihrer Gesundheit eine Chance mit Baldrian Nimm 3.
    Baldrian, das bewährte Hausmittel ohne Nebenwirkungen.

    Neues gibt es immer wieder für uns zu lernen. Wir dürfen uns z.B. auf keinen Fall aus einem Konzentrationslager oder Ghetto rausschmeißen lassen, falls wir da mal landen sollten. Erst mal drin, müssen wir auf unserem Status beharren, sechs bzw. achtzehn Monate lang. Mindestens. Erst dann sind wir ein richtiges Opfer und kriegen eine kleine Rente, wie vielleicht die Ostjuden. Bei denen wird heute, über fünfzig Jahre danach, darüber diskutiert. Wenn das jedes Mal so lange dauert, dann müßten wir fast hundert werden, bis wir Kohle sehen, falls ..... Vielleicht geht es bei Westtransen schneller.

    Ihre langen Beine sind ein Blickfang. Ruhig sitzt sie in der Straßenbahn und läßt sich betrachten. Hält die irritierten Blicke gelassen aus. Diese Selbstsicherheit hat sie sich erkämpft. Es war nicht leicht, die Scham und Angst zu überwinden, damals, und in diese Bahn zu steigen. Jetzt ist es selbstverständlich, sie kennt die Menschen, die jeden Morgen mit ihr zur Arbeit fahren und freundlich lächeln. In das Blond ihres Haars mischt sich das Grau und sie lehnt sich stolz zurück. Sie hat es geschafft.

    Wie kochen Transen Kaffee? XY40 erzählt humorvoll von seinen diversen Morgenkaffees, als ich die Frage provozierend in die Runde werfe, geschlechtsfreie Räume fordernd. Als Y achte es darauf, keine Flecken zu machen. Wir lachen alle, tauschen Erfahrungen aus. Ich spüre, X wird langsam sauer. Zu Hause gibt es wieder einmal Familienkrach. X hat es schon immer geahnt, daß mit uns etwas nicht in Ordnung ist, wo bleibt Y beim Kaffeekochen? Wieso überläßt es X alle Hausarbeit, so daß ein wildes Schmutzchaos entsteht? Andere Transen kriegen ihr Leben gemeinsam in den Griff, nur diese Diva Y hält sich raus. X will auch sauber leben. Y fährt ihm sofort über den Mund. Was bildet sich dieses Macho-X ein, soll es womöglich tumb geschlechtsspezifisch handeln, wo bleibt da die Emanzipation! Wenn X es sauber haben will, soll es doch putzen. Funken stieben durch die Wohnung, Geschlechterkrieg tobt gegen die Wände, Ordnungen zerplatzen.


  • Baden-Württemberg

    Sie geht in das Zimmer. Es ist voll Angst. Schwarz und stumm drängt sie sich in ihr hoch, ergreift die Macht in ihrem Körper. Er regt sich nicht. Sie bleibt stehen und wird starr. Sie spürt, wie sich das Stumme breitmacht. Eine Stummheit, die erdrückt. Kein Schweigen, in dem Energien strömen und Ruhe möglich machen, nein, eine Stummheit. Schwarz. Tot. Unbeweglich. Sie hat Angst. Angst vor allem, vor sich und um sich. Unbestimmbare allumfassende erdrückende Angst. Sie ist undefinierbar, lässt sich nicht fassen. Er rührt sich nicht, dieser Körper, der der ihre ist. Er stellt sich tot. Er will nicht mehr. Er kann nicht mehr. Sie erinnert sich ihres Vaters, der sitzt. Und schläft. Und sitzt. Schaut Fernsehen. Und schläft. Und schweigt. Es ist sein Körper, aber es ist ihr Zimmer. Es ist sie. Sie sitzt. Und schläft. Und sitzt. Arbeitet am Computer. Und schweigt. Sie sieht die Angst, sie ist die Angst. Sie bewegt sich nicht. Starre Angst. Hoffnungslosigkeit. Nichts ist um sie. Sie hört nicht, sie fühlt nicht, sie sieht nicht. Sie ist die Angst. Das Außen ist aufgelöst, das Leben hat sich weggeschlichen. Manchmal wird sie konkret, wird Fallangst, Schlangenangst, Katastrophenangst, Angst vor Blicken, Musterungen, kleine und größere Ängste. Manche verständlich und durch Muster erklärbar, andere skurril. Am schlimmsten ist aber der anonyme Totstellreflex, einfach da, eine Schranke, die es nicht zu überwinden gelingt und keine Informationen, was und warum. Ein Freund von ihr ist Psychotiker, lange Aufenthalte in der Psychiatrie. Er sieht die Türen, aber sie haben keine Klinken, so dass er nicht hinausgehen kann. Sie sieht alle Türen, sie sind normal und haben Klinken. Aber sie kann nicht aufstehen und hinausgehen. Scheut die Sonne. Sie sitzt dann an den Computer. Auch wenn es Tage dauert. Zur Arbeit geht sie immer, das kann sie abspalten. Die Arbeit und das Geld machen sie autonom. Ein Schritt vor der Psychose? Sie kann ohne Ärzte und Medikamente leben, sie sitzt es aus. Sie geht in dieses Zimmer und schaut sich ihre Angst an. Sie hat sich entschlossen, alles wissen und anschauen zu wollen. Alles hat seinen Grund, alles kann man verändern, denkt sie.

    Sie geht in das Zimmer. Es ist voll Hass. Schwarzgrau bedeckt alles, überdeckt das, was einmal voller Farbe war. Sie sieht die Bilder der Gehenkten, die an Straßen baumeln. Der Soldat erzählt ihr Geschichten vom Krieg, vom Winter, von der Kälte, wo erfrorene Finger ganz weiß werden und man sie abschlagen kann, ohne dass der Schmerz kommt. Wie man für einen erschossenen Deutschen zehn Männer aus den Dörfern henkte, was ja alles normal war, weil es Recht war. Der Vatersoldat, der die Kindertochter mit seinen Geschichten entsetzt. Jetzt ist sie voll Hass. Der Angeklagte steht vor seinem Todesrichter und hält sich die Hose fest. Uniform und Gürtel haben sie ihm weggenommen, um ihn zu demütigen. Er war ein hoher Offizier gewesen und hat gegen den Diktator Widerstand geleistet, der das Volk in Krieg und Vernichtung führte. Sie sind ein Lump, schreit der Todesrichter. Der Offizier wird gehängt werden und noch lange nach dem Krieg keine Bürgerehre bekommen. Der Todesrichter wird mit seinen Kollegen noch lange nach dem Krieg seine Ämter weiter ausüben. Die kleine Vietnamesin weint stumm, neue Kriege, neue Bilder, neue Verbrechen. Sie kommt jeden Tag in dieses Zimmer, monatelang. Sie liegt und kann sich nicht bewegen vor Hass. Bewegte sie sich, würde sie Amok laufen und schießen. Sie würde auf alles schießen, was immer weiter Menschen demütigt, selektiert, tötet. Sie würde die Masken zertrümmern, die sie jeden Tag auf der Straße sieht, so dass deren zerstörtes Inneres nackt und bloß sichtbar würde, diese Nachfahren, die weiter fortfahren, ihre faulen Wurzeln zu bewahren. Die Gleichgültigen, die seelenlos ihr Oberflächendasein leben, denen der Himmel blau und das Gras grün ist. Die Spießer, denen Ordnungsauberundanständigkeit über alles gehen. Die Sozialhelfer, die sich an dem Leiden anderer aufbauen und es darum nicht wirklich abschaffen wollen. Die Sadomasochisten, die lustvoll belehren, erziehen und strangulieren. Die Meinungsmacher, die Existenzen zur Unterhaltung vorführen wie Tiere im Zoo und die Regierenden, denen die Lüge zum Alltag geworden ist. Eine Gesellschaft voller Affen, die nicht hörensehensprechen können. Alle diese Normalen, die innerhalb der Hassgesellschaft ihr Leben fristen, denkunfähige Gehirnblasen und die Definitionsmacht haben.
    Der Hass füllt ihre Adern, macht ihr Gesicht weiß und starr, macht sie stumm. Sie strahlt den Hass ab, kann keinen Kontakt mehr finden. Sie hasst das System, hasst die Menschen, hasst ihre eigene Ohnmacht, die kein Entrinnen bietet auf diesem Planeten. Sie hasst die Bilder, die in ihrem Kopf nicht verschwinden, sie hasst die Muster, die sie steuern und die sie erkennt, durchschaut, aber nicht löschen kann. Sie hasst so viel und so tief, dass sie keine ähnlichen Mithasser findet. Ihr Hass kennt weder Töne noch Farben noch Sprache. Der einzige Ausweg ist Schießen. Sie geht für Monate nach der Arbeit in dieses Zimmer, liegt Stunden bewegungslos auf dem Bett.

    Sie geht in das Zimmer. Das Zimmer ist voll Wut. Hell und rot spritzt sie hoch, ein Vulkan der Gefühle. Sie will sich dieses Leben nicht gefallen lassen, sie will sich nicht töten lassen. Sie will sich wehren. Sie recherchiert, sie liest, sie macht Therapien und Supervisionen. Sie holt sich alle Informationen, die sie für ihre Veränderung relevant findet. Sie will ihre Muster unter Kontrolle bringen. Irgendjemand hat einmal gesagt, die meisten Menschen würden in der Mittelmäßigkeit verharren, weil sie nicht auf die Idee kämen, ihre Grenzen auszuloten. Sie will an ihre Grenzen, sie will sehen, was möglich ist. Ihr Kampf ist der Kampf gegen Unmenschlichkeit und Faschismus, der Kampf für sich. Der Gegner im Kopf muss besiegt werden, die Entwicklung in alle Zonen geöffnet werden. Gegen den Zwang setzt sie die freie Autonomie, gegen die Dummheit die Vernunft. Unnachgiebig verbeißt sie sich in sich. Stößt auf zementene Blockaden und eine tiefe Sehnsucht nach wirklichem Leben. Sie sucht die Kommunikation mit allen unbewußten Teilen, wird in Untiefen geschleudert, steht auf, fällt, stolpert, fliegt ihn die Höhen des Rausches zu sich selbst. Sie wird sich zur Gefährtin, zur Geliebten, sie streitet, lacht und weint mit sich. Die Wut treibt sie vorwärts zu ihrem Ziel. Die Zeit vergeht, die Jahre verstreichen, manchmal verharrt sie in der Angst, sich zu schädigen, aber die Wut, diese ihre Gefährtin des Feuers und des Lebens hat sie für immer entflammt. Aus dem Feuer des tiefen inneren Vulkans gebiert sich aufsteigend die Menschlichkeit. Nur das zählt.

    Sie geht in das Zimmer. Es ist voll Schuld. Sie ist ein Soldatenkind. Der Großvater vor Verdun, der Vater und sein Bruder an der Ostfront, die Familie traditionell konservativ. Es war eine so nette Kindheit mit dem schönen Garten, dem Gschäft vom Opa, dem Privatgrundstück am Bodensee, das die Idylle der ganzen Großfamilie war. Gut, die Vaterfamilie war arm, es gab keine Dusche nur ein Spülbecken zum Waschen, Kohleöfen und einen alten Herd, der mit Kohle und Holz betrieben wurde. Oma und Opa schleppten die Briketts immer mit dem Leiterwagen, das Kind durfte drauf sitzen. Im kleinen Garten hinter dem Haus wuchsen Kartoffeln, gelbe Rüben, Salat, Johannisbeeren und ein paar Astern. Dafür hatten die anderen Großeltern Zentralheizung, Badewanne, drei Wohnzimmer, einen Garten nur mit Blumen und als eine der ersten Farbfernseher. Ihre Erstfamilien waren nett und sie hatte sie als Kind geliebt. Nun liegt sie in diesem Zimmer der Schuld, zusammengekrümmt Sie ist ein Täterkind. Ihr Vater ist ein Mörder. Er hat Menschen getötet. Ihre ganze Familie war nie schuld. Es war immer der Hitler. Diese eine dämonisierte Person, der man den Schwarzen Peter zuschieben konnte. Ich war’s nicht, der Hitler war’s. Sie definieren sich lieber als strunzblöd, dumm und naiv als dass sie eine Schuld auf sich nähmen. Jahre hat sie in ihrer ersten Erwachsenenzeit zugebracht, die Familie der Lüge des Nichtgewußthabens zu überführen. In dieser Zeit war sie eine Rebellin mit dem Ziel, eine Revolutionärin zu werden. Der Scheinidylle wurde die Maske heruntergerissen. Jede Barriere war es wert, zerbrochen zu werden, im großen Selbstbewusstsein, auf der richtigen Seite zu stehen. Sie war dabei, die Schuldigen zu benennen und ihre Lügen an den Pranger zu stellen. Die Kraft, die daraus erwuchs, hatte einen langen Atem für gute Veränderungen. Nur ganz wenige Male streifte sie die Vergangenheit, wie zum Beispiel am Frauenstand in den Achtzigern, als ein Mann ihr direkt in die Augen sah und sagte: Du gehörst vergast, und sie das erste Mal einen getroffen hatte, der es tief ernst meinte und dessen kalter Blick signalisierte, dass er sie sofort hier lynchen würde, wenn er könnte. Der Blick war übergriffig und sie spürte, dass die Vergangenheit urplötzlich Realität wurde und nur eine winzige Oberflächenkruste sie vom Abgrund trennte. Momente, wo ihr bewusst wurde, dass selbst diese verkommene bürgerliche Gesellschaft, gegen die sie kämpfte, ein gutes demokratisches Fundament gegen „das“ bot.
    Im zweiten Erwachsenenalter hat sie die Tür zur Schuld gefunden und geöffnet. Jetzt steht ihre Existenz auf dem Spiel. Sie ist ein Täterkind. Der Großvater, ein NSDAP-Gemeinderat und Kriegsgewinnler mit Rüstungsproduktion, die Großmutter eine Hitlerbegeisterte, der Vater ein sich nie distanzierender Soldat, die Mutter eine Mitläuferin. Alle sich als Opfer empfindend von einem ominösen Zeitgeist, dem Schicksal, denen da oben. Der Bruder des Vaters in Russland vermisst, der SS- Bruder der Oma verschollen, diese Todesfälle und der Krieg als traumatisches Erlebnis dominierten die Erzählungen. Die Täter fanden keine Worte für die Opfer außer einem seltenen allgemeinen Bedauern, der politischen Entwicklung und dem zunehmendem moralischen Druck der nachfolgenden Generation geschuldet. O je, das ist schon alles schlimm, was da passiert ist. Entschuldigt hat sich ihre Familie nie – bei wem auch. Man konnte sich rechtfertigen, man war immer anständig geblieben, der einzige russische Zwangsarbeiter in Opas Fabrik hatte erklärt, dass er immer gut behandelt wurde und immer für ihren Opa aussagen würde, wenn nötig. Ihr Großvater wurde als Unternehmer auch aus der Kriegsgefangenschaft der Franzosen sofort nach 4 Wochen wieder entlassen – so what, sie waren keine Verbrecherfamilie. Fast könnte man meinen, die Opfer waren nur in dem Sinn relevant, dass sie als Opfer einen faktischen Druck ausübten, um die Familie zu Tätern zu machen.
    In diesem Zimmer der Schuld steht sie allein. Millionen von Bildern ziehen an ihr vorbei, Millionen Informationen surren durch ihr Gehirn. Sie hat in ihrem ersten Erwachsenenleben gut recherchiert und gründlich gearbeitet. Jetzt bricht sie zusammen. In diesem Zimmer. Sie hat kein Recht zu leben. Millionen Gefolterte, Gequälte, Getötete, Gedemütigte nehmen ihr das Lebensrecht. Die vielen Geschichten, Biographien, Schicksale, die sie erfahren hat, schmelzen wieder zu einer ungeheuerlichen Zahl. Eines der Opfer steht auf: Eine Sechszehnjährige, die wegen einer Unwichtigkeit, einer Widerrede im KZ zum Tode am nächsten Tag verurteilt war. Tod durch Hängen. Die Frauen des Lagers saßen diese letzte Nacht mit ihr. Sie sagte: Rächt mich. Dieses Mädchen ist ein Opfer von Millionen. Erhängt. Tot. Nur eine und sie ist das Täterkind, sie ist gesund, hat Kinder, hat Geld geerbt, hat studieren können, sie kann den Frühling riechen, das Wasser schmecken – das ist Unrecht. Die Täter haben überlebt und leben gut. Sie weiß sehr wohl, dass die politische Diskussion anders verläuft, dass niemand ihr, der acht Jahre nach dem Krieg Geborenen, dieses Lebensrecht streitig macht. Sie kennt den Diskurs über Vergeben und Vergessen, sie ist sozial und politisch engagiert in diesem Sinn, aber das zählt in diesem Zimmer nicht. In diesem Zimmer ist das Unrecht nicht relativiert, es schlägt in ihren Körper, der sich nicht wehren kann. Ihr Leben steht auf dem Fundament des Todes. Der Täter ist ein Täter ist ein Täter ist ein Täter. Nichts anderes zählt. Es gibt keine Entschuldigung. Tief zieht sie sich zurück in dieses Zimmer, verliert soziale Kontakte, kann sich den anderen draußen nicht mehr mitteilen. Sie ist in die Hölle verdammt, hoffnungslos. Sie hat noch nicht einmal das Recht sich etwas zu wünschen wie Gesundheit oder Glück für ihre Kinder. Wenn ihre Kinder stürben, wäre das ein unerheblicher Bruchteil der geschehenen Verbrechen, unwert es zu erwähnen, unrecht es zu beklagen. Millionen totgeschwiegener Kindermorde stehen dagegen, Millionen vernichteter Leben stehen am anderen Ende des Horizonts und schauen sie an. Sie schauen nicht anklagend, sie schauen nur herüber und allein die Masse dieser Augen wirft sie in die Hölle. Sie steht vor einem Gott, an den sie nicht glaubt, sie steht vor den Gesetzen eines Universums und ihr Leben hat keinen Bestand mehr. Ihr Verstand setzt aus und ihr Gefühl schwemmt Entsetzen und Weinen herauf. Sie hat kein Recht auf Glück. Der rigide Faschismus wird zum Bumerang. Es gibt für lange Jahre keine Worte mehr in diesem Zimmer der Schuld. Es gibt das Annehmen der Schuld und das Weinen. Das Weinen über die unfassbare Kälte und Grausamkeit der eigenen Familie und des eigenen Volkes, die sich bis heute nicht auflösen lässt. Wie Queckenwurzeln verankern sich altes Denken und Fühlen in die Neuzeit. Überall dieses Spinnenfäden gespenstischer Verhaltensweisen. Sie wird still in diesem Zimmer und gleichzeitig still in ihrem Leben. Niemand weint mit ihr. Niemand bricht mit ihr zusammen. Niemand teilt das Entsetzen mit ihr, ins eigene Gesicht schauen zu müssen. Im Gegenteil, sie wird für ihre Umwelt fremd und befremdend. Die Gefährdung des Planeten, die Verletzung von Menschenrechten, widerrechtliche Kriegsführungen, sie kommt immer sensitiver aus diesem Zimmer der Schuld, gleichzeitig dem Zimmer des Grauens heraus. Das Grauen ist nicht deutsch, es ist allgemein. Vor den großen Gesetzen der Menschlichkeit verschwinden nationale Grenzen, die Barbarei ist global.
    Die große Schuld ihres Volkes und ihrer Familie füllt das Zimmer der Schuld und macht ihr Leben klein und wertlos. Erst nach Jahren werden die Tränenströme maßvoller und es bleibt eine Wunde, die sich wahrscheinlich nicht schließen lässt. Sie ist das Mahnmal des Geschehenen, die Erinnerung und das Nicht-Vergessen. Langsam kann sie in ihr Zimmer der Schuld gehen und sich ihre persönliche Biographie der Schuld ansehen. Über Jahre dominierte die politische Entwicklung in ihrer persönlichen Geschichte. Der Faschismus war eine große Explosion, die sich so gewalttätig in die Familien hinein schob, die Gehirne besetzte und die Gefühle verseuchte, dass mehrere Generationen daran aufarbeiten werden müssen.
    Es hat lange gedauert, bis sie zu ihrer individuellen Schuld kam. Sie ist das böse Kind. Sie wurde vom Vater erzwungen, ihre Existenz der Mutter aufgedrückt, ein lebenslange Ambivalenz von Liebe und Distanz. Der Schmerz der Ablehnung sitzt tief in ihren Zellen. Sie kämpft an vielen Fronten um Anerkennung, ohne sich jemandem anbiedern zu wollen, ohne der Doppelmoral und der Heuchelei zu gehorchen. Sie hat gelernt, Masken abzulegen und offen zu sein. Das ist der Liebe nicht förderlich.

    Sie geht in das Zimmer. Das Zimmer ist voll Schmerz. In diesem Zimmer kann sie endlich weinen. Sie weint immer. Sie kann gar nicht aufhören zu weinen. Sie hat lange Zeit gebraucht, um diese Tür zu öffnen, dann war der Tränenstrom eine Erleichterung. Sie kann und darf den Schmerz um die eigene Familie zulassen. Sie lebt im 21. Jahrhundert, die Vatereltern wurden 1885 geboren. Der Großvater musste mit dreißig Jahren in den Krieg und überlebte Verdun. Von seinen drei Söhnen starben zwei, einer mit vier Jahren in der Zeit der großen Armut an Diphterie, der andere mit 29 Jahren vor Stalingrad. Die Geschichte ihrer Eltern, geboren am Ende des ersten Weltkrieges, Kinder des Faschismus, waren. 19 und 14 Jahre alt, als der Krieg anfing. Der Vater, den der Krieg erwischte, als er nach Ende der Lehre seinen Wehrdienst machte, um dann mit dem eigenständigen Leben anfangen zu können. Er war kein Hitlerparteigänger, er war nur eine autoritär strukturierte Persönlichkeit. Er wurde als einfacher Soldat sofort nach dem Osten geschickt. Ein starker und kluger Mensch, der überlebt hat, mit 45 kg zurückkam, 3 Wochen krank war und dann sofort zur Arbeit ging. Er heiratete erst 8 Jahre später. Sie war die erste Tochter und ein Papakind. Sie war das Kind eines Mannes, der viele Nächte im Schlaf schrie: Lasst mich sterben. Der vom Krieg den Alkohol und die Zigaretten mitbrachte, die manchmal das einzige waren, das sie statt essen hatten. Der den Tod des einzigen Bruders nicht verwand und nie begriff, dass der Gehorsam, den er als Wert so schätzte und deshalb keine persönliche Schuld empfand, dass dieser Gehorsam seine Schuld war und ihm im späteren Leben das Genick brach. Er fand sich nicht mehr in die moderne Welt ein, hielt seine konservativen Regeln aufrecht und wurde ein strenger Angst machender Vater, verstärkt von Gefühlsschwankungen durch den Alkohol. Ab und zu drohte er, sich aufzuhängen. Die Ehe war unglücklich, die Liebe verloren, aber man blieb zusammen, wie es sich gehörte. Er sank unaufhörlich in eine tiefe Depression, die ihn am Ende jahrelang vor dem Fernseher im Haus hielt. Die Außenwelt versank für ihn. Die Kriegsgeschichten blieben. Erst am Ende seines Lebens sagte er einmal: Scheißkrieg. Sie erstarrt in der Vorstellung, dass nur der Zeitensprung ihr das Schicksal erspart, dass ihre Familie zugeschaut hätte, wie sie gehenkt worden wäre. Eine Familie, die es nicht akzeptiert hätte, dass sie einen anderen politischen Weg gewählt hat und in den Widerstand zu unmenschlichen Systemen geht. Ihr Vater hätte sie erschossen, wenn sie ihm als Partisanin begegnet wäre. Ihr Gehirn brennt. Familienruinen. Der totale Krieg.
    Einen Vater, den man liebt, so verenden zu sehen, nicht helfen zu können und irgendwann auch nicht mehr zu wollen, ist ein großer Schmerz. Sie weiß nicht, ob er jemals aufhören wird. Ihr Vater hat sein Leben verloren, noch ehe es richtig begann. Sie weint um ihn und um ihre Kindheit, um ihre Liebe und um ihre Muster, die sie von ihm erhalten hat. Sie fühlt den Schmerz, ihrer Mutter, der Ehrgeizigen und Co-Abhängigen nicht helfen zu können, die mit ihm in der Lieblosigkeit und Krankheit trudelt bis sie Krebs bekommt. Alles war Pflicht, sagt sie versteinert am Ende ihres Lebens. Sie fühlt den Schmerz dieser ganzen Familie, die sich im Streit gegeneinander stellt und zerfleischt. Deren Ideale und Lebensträume zerbrochen sind, deren Tod ein verbittertes Ende war. Sie waren einfache Leute, die sich stets anständig verhalten hatten aus ihrer Sicht und deren Leben durch Arbeit gekennzeichnet war. Man wollte hochkommen und die Kinder sollten es besser haben. Man las täglich die Zeitung, war politisch informiert, ging wählen, immer konservativ, aber man stellte sich nie in die vorderste Front. Das überließ man denen oben. Sauber, gehorsam und katholisch, das war die Richtlinie der Anständigkeit. Nicht schlecht riechen, nicht frech werden, der Sex als Fortpflanzung, auf keinen Fall huren und am Sonntag in die Kirche gehen. Die Frauen geben das Schönheitsideal weiter, den Körperekel eingeschlossen, die Männer dulden es. Sie, die im Krieg Körper anders erfahren haben, schließen sich wieder zurück. Der große Schmerz am Ende war der Gradmesser der Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen. Das Zimmer ist voll Schmerz um verlorene Lieben, verkrüppelte Leben, erstickte Hoffnungen. Sie war wohl ein gutes mitfühlendes Kind. Nur langsam kommt sie zu sich selbst, fühlt ihre eigenen Schmerzen. Die Kinder, die zum Vater zogen, der Geliebte, der ermordet wurde von der Contra in Nicaragua, der Rückzug aus der Welt. Sie hatte einmal angefangen, sich dem inneren Weg zu öffnen, aber er hat sie sehr weit weggeführt, weg von den Freunden, den Kindern, der Liebe, der Natur. Sie hat nicht geahnt, wie tief und lange so ein Schmerz sein kann. Ein nicht enden wollender Fluss von Gefühlen, die sich wild reißend Bahn brechen, unterbrochen von Phasen, in der die Arbeit und der Alltag sie wegführen in die sogenannte Realität.

    Sie geht in das Zimmer. Es ist voll Trauer. Die Trauer ist ein milder großer Fluss, der träge fließt. Er hat die großen Wasserfälle von Hass und Schuld überwunden, die Stromschnellen des stechenden Schmerzes hinter sich gelassen und treibt gelassen auf seine Mündung zu. In diesem Raum hat sie Distanz
    gewonnen, findet einen Punkt der Betrachtung und der trauernden Ruhe. Sie kann aus den kindlichen Dimensionen heraustreten und erwachsen werden. Die Toten werden tot und die Vergangenheit wird vergangen. In jedem Zimmer findet sie Bezugspunkte zur Gegenwart, wilde heiße aktuelle – in diesem Zimmer findet sie zu einer ruhigen Gelassenheit. Ein Gemälde entsteht, ein ganzheitliches Bild. Es wäre schön, mit den Toten ins Gespräch zu kommen, noch mal, nach all diesen Erfahrungen, die sie gemacht hat. Zu einer Reife und Weisheit in diesem Beziehungen zu gelangen, abzurunden. Es schmerzt, dass dies nicht geschehen kann, es schmerzt, dass sie abgebrochen sind im Konflikt. Es ist die Trauer über gestrandete Wege in ihrem Leben, Träume, die sich nicht erfüllt haben, Entwicklungen, die verstopft wurden. Nach langen Jahren der Wut, des Trotzes und des Widerstands ist es eine Trauer der Einsicht in Notwendigkeiten und Gegebenheiten. Auflehnung hat ihr nicht immer geholfen. Sie wurde in eine kranke Familie in einer kranken Gesellschaft hineingeboren. Die tiefen Träume nach all den neuen Räumen der universellen Entwicklung, der Heilung aller Wunden und Defizite, der Eroberung neuer Qualitäten im Selbst, das Fliegen in andere Dimensionen, die hohen Ziele bargen auch tiefe Abstürze. Es geht nicht alles zu reparieren, der Schuster bleibt bei vielen alten Leisten. Sie trauert um sich, um das kleine Kind, um die verlorenen Wege. Inzwischen gibt es einige Niemehrs. Nie mehr eine richtige Familie haben, nie mehr eine Liebe, mit der sie alt werden kann. Nie mehr mit Mama treffen, mit ihr reden und lachen. Nie ein Mann sein können. Es ist eine Akzeptanz geworden im nie mehr. Eine stille Trauer. Zumindest in den Anfängen, zumindest ein erster Versuch. In all der großen Verlassenheit, die sie durchlebt hat, hat sie sich gefunden. Sie ist sich Kraft und Halt geworden, sie hat sich einen Weg erkämpft, auf dem sie gehen kann. Sie liebt sich. Sie kann mit den tiefen Wunden leben, hat ihre Zimmer, die sie besucht und das Gröbste überstanden. Sie ist nicht umgekommen auf ihrem Weg. Sie trauert um das Unabwendbare. In ihre Trauer mischt sich auch die Erleichterung. Nie mehr das Leid nahestehender Menschen als ohnmächtiges Kind erleiden müssen. Nie mehr abhängig sein müssen. Nie mehr die Verzweiflung ihrer Eltern sehen. Trauern können als Vergangenheitsbewältigung. Das tut gut. Trauer ist etwas Abschließendes. Weihnachten und Geburtstage feiert sie nicht mehr. Beides ist Kinderzeit, beides hat sie beweint, die Verluste der Familie sind scharf in ihr Herz geschnitten, sie hat eine lange Phase getrauert, jetzt ist es vorbei. Selbst die Trauer ist nicht mehr da. Es ist Vergangenheit. Abgeschlossen. Unberührte Vergangenheit. Es bedarf keiner Wiederholungsrituale. Es interessiert nicht mehr, neue Energien werden frei. Ihr Raum der Trauer ist ein ruhiger, sanfter. Er hält sie. Er ist einer der jüngsten Räume.

    Sie geht in das Zimmer. Es ist voll von Leben. Der grüne Raum, wo sie sich trifft. Grüne Zärtlichkeit strömt in überquellender Wärme durch sie. Da sind Kasimir, die Eidechse, der Kobold, - die Figuren ihres Ich, die ihr Freude und Kraft geben. Ein Raum, galaxienweit, in der sich die Töne aufschwingen zu Melodien, die Zärtlichkeiten in sie tragen, in der die Ganzheit eine wiegende Harmonie wird. Grüngoldenes Licht, in dem Gestalten sich formieren, die völlig ohne schwarze Gefühle sind. Der Körper sehnt sich danach, sich dieser Ebene hinzugeben. Öffne dich, grüner Raum.

    https://www.youtube.com/watch?v=sGr6B6Rp4PU



  • @Lotte, ich habe versucht, das zu lesen. Aber es geht nicht. So streife ich von absatz zu absatz und hoffe auf das ende.


  • GLOBALER MOD MOD

    Lieber Willi, jetzt trifft es auch mal dich.


  • Baden-Württemberg

    Macht nix, hör doch einfach auf. Kein Stress. 🙂


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